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Drei neue Wörter an jedem Tag
220 Begriffe im Fundus

Die drei Wörter des Tages

plausibel
Adjektiv
Bildungssprache
Bedeutung
einleuchtend, nachvollziehbar, glaubhaft (aber nicht zwingend bewiesen)
Herkunft
lat. plausibilis „Beifall verdienend“, zu plaudere „klatschen“
So verwendet man es
Ihre Erklärung klingt plausibel, aber wir sollten die Zahlen dennoch nachprüfen.
Schon gewusst?
Wörtlich verdient das Plausible „Applaus“ – dieselbe Wurzel steckt in „Plauze“ nicht, wohl aber in „applaudieren“ und „plausibilisieren“.
Verwandte Ausdrücke
einleuchtendnachvollziehbarglaubhaft
die Frugalität
Substantiv, f.
Bildungssprache
Bedeutung
Genügsamkeit, maßvolle Einfachheit (besonders bei Essen und Lebensstil)
Herkunft
lat. frugalis „zu den Früchten gehörig; ordentlich, sparsam“
So verwendet man es
Er lebte trotz Vermögens von erlesener Frugalität: ein Zimmer, hundert Bücher, ein Fahrrad.
Schon gewusst?
Kurioserweise verstehen viele „ein frugales Mahl“ als „üppig“ – das Gegenteil ist richtig. Solche massenhaft missverstandenen Wörter kippen manchmal historisch ihre Bedeutung.
Verwandte Ausdrücke
GenügsamkeitBescheidenheitEinfachheit
gravitätisch
Adjektiv
Bildungssprache
Bedeutung
würdevoll-gemessen, mit betonter Ernsthaftigkeit (oft leicht ironisch)
Herkunft
lat. gravitas „Schwere, Würde“
So verwendet man es
Gravitätisch schritt der Zeremonienmeister die Ehrengäste ab.
Schon gewusst?
Die römische „gravitas“ war eine Kardinaltugend: ernste Würde. Im Deutschen schwingt heute meist ein Schmunzeln mit – gravitätisch ist, wer Würde ein wenig zu sichtbar trägt.
Verwandte Ausdrücke
würdevollfeierlichgemessen

Eloquenz-Tipp des Tages

Verwenden Sie jedes der drei heutigen Wörter noch heute einmal – in einer Mail, einem Gespräch oder einer Notiz. Aktiver Gebrauch verankert Wörter etwa fünfmal besser als bloßes Lesen.

Quiz zum Selbsttest

Erst selbst überlegen, dann auf „Antwort anzeigen“ tippen. Aktives Abrufen prägt Wörter am besten ein.

Frage 1
Was bedeutet „kulminieren"?
Antwort anzeigen
kulminieren — den Höhepunkt erreichen, gipfeln
Die monatelangen Spannungen kulminierten in einem offenen Schlagabtausch auf der Jahresversammlung.
Frage 2
Was bedeutet „die Synekdoche"?
Antwort anzeigen
die Synekdoche — Ersetzung durch einen engeren oder weiteren Begriff derselben Sache
„Deutschland hat gewählt“ (die Wahlberechtigten), „ein kluger Kopf“ (der ganze Mensch).
Frage 3
Was bedeutet „der Status quo"?
Antwort anzeigen
der Status quo — der gegenwärtige Zustand, die bestehende Lage
Die Verhandlung endete ergebnislos – beide Seiten beharrten auf dem Status quo.
Frage 4
Was bedeutet „das Paradigma"?
Antwort anzeigen
das Paradigma — grundlegendes Denkmuster; beispielhaftes Modell, das eine ganze Epoche oder Disziplin prägt
Die Digitalisierung hat das Paradigma der Arbeitswelt verschoben: Präsenz zählt weniger als Ergebnis.
Frage 5
Was bedeutet „subtil"?
Antwort anzeigen
subtil — fein, kaum merklich, mit Feingefühl; nur bei genauem Hinsehen erkennbar
Der Film übt subtile Kritik: keine Parolen, nur vielsagende Blicke und Auslassungen.
Frage 6
Was bedeutet „ostentativ"?
Antwort anzeigen
ostentativ — betont zur Schau gestellt, demonstrativ
Ostentativ legte er die Sportzeitung auf den Konferenztisch, als der Chef von Überstunden sprach.
Frage 7
Was bedeutet „das Klischee"?
Antwort anzeigen
das Klischee — abgegriffene, schablonenhafte Vorstellung oder Wendung
Der Film bedient jedes Klischee des Genres – und ist gerade deshalb ein Kassenerfolg.
Frage 8
Was bedeutet „per se"?
Antwort anzeigen
per se — an sich, aus sich selbst heraus, von Natur aus
Technologie ist per se weder gut noch böse – es kommt auf ihren Gebrauch an.
Frage 9
Was bedeutet „die Kapazität"?
Antwort anzeigen
die Kapazität — (neben Fassungsvermögen:) herausragender Experte, anerkannte Autorität eines Fachs
Als Kapazität auf dem Gebiet der Vulkanologie wurde sie weltweit zu Gutachten herangezogen.
Frage 10
Was bedeutet „kompensieren"?
Antwort anzeigen
kompensieren — ausgleichen, ersetzen, ein Defizit durch etwas anderes aufwiegen
Fehlende Erfahrung kompensierte sie durch akribische Vorbereitung.
Frage 11
Was bedeutet „der Apologet"?
Antwort anzeigen
der Apologet — eifriger Verteidiger einer Lehre oder Position (oft leicht kritisch gefärbt)
Als unkritischer Apologet der Deregulierung übersah er deren Nebenwirkungen jahrelang.
Frage 12
Was bedeutet „die Querelen"?
Antwort anzeigen
die Querelen — andauernde Streitigkeiten, Zwistigkeiten (meist intern)
Interne Querelen lähmten den Vorstand über Monate.

Wörterbuch – alle 220 Begriffe

Auf einen Begriff tippen, um Herkunft, Beispiel und Wissenswertes aufzuklappen.

Bildungssprache (118)

die Akribieäußerste Sorgfalt und Genauigkeit bei der Ausführung einer Sache
Herkunft
griech. akríbeia „Genauigkeit, Sorgfalt“
Beispiel
Mit geradezu wissenschaftlicher Akribie prüfte sie jede Fußnote des Manuskripts.
Schon gewusst?
Das Adjektiv „akribisch“ ist im Beruf ein zweischneidiges Kompliment: Es lobt Gründlichkeit, kann aber auch Pedanterie andeuten.
SorgfaltGründlichkeitPräzision
die AmbiguitätMehrdeutigkeit; die Eigenschaft, mehrere Deutungen zuzulassen
Herkunft
lat. ambiguitas „Doppelsinn“
Beispiel
Die Ambiguität des Gedichts ist kein Mangel, sondern seine größte Stärke.
Schon gewusst?
„Ambiguitätstoleranz“ – die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit auszuhalten – gilt in der Psychologie als Merkmal geistiger Reife.
MehrdeutigkeitDoppelsinnVieldeutigkeit
ambivalentzwiespältig, von widersprüchlichen Gefühlen oder Bewertungen zugleich geprägt
Herkunft
lat. ambo „beide“ + valere „gelten, wert sein“ – wörtlich: „beides geltend“
Beispiel
Er stand dem Angebot ambivalent gegenüber: Die Bezahlung lockte ihn, der lange Arbeitsweg schreckte ihn ab.
Schon gewusst?
Der Begriff wurde 1910 vom Psychiater Eugen Bleuler geprägt – ursprünglich zur Beschreibung widersprüchlicher Gefühle bei Patienten.
zwiespältigdoppeldeutigwidersprüchlich
antizipierenetwas gedanklich vorwegnehmen; eine Entwicklung voraussehen und einkalkulieren
Herkunft
lat. anticipare „vorwegnehmen“ (ante „vorher“ + capere „nehmen“)
Beispiel
Ein guter Schachspieler antizipiert nicht nur den nächsten Zug, sondern ganze Zugfolgen.
Schon gewusst?
Im Fußball ist „Antizipation“ ein feststehender Fachbegriff: das Erahnen des gegnerischen Passes, bevor er gespielt wird.
vorwegnehmenvorhersehenerwarten
apodiktischkeinen Widerspruch duldend; mit unumstößlicher Bestimmtheit behauptet
Herkunft
griech. apodeiktikós „beweiskräftig“
Beispiel
Sein apodiktischer Ton erstickte jede Diskussion, bevor sie beginnen konnte.
Schon gewusst?
In der Logik bezeichnet „apodiktisch“ Urteile, die notwendig wahr sind – Kant unterschied sie von „assertorischen“ (behauptenden) Urteilen.
unumstößlichkategorischdogmatisch
das Äquivalentgleichwertiger Ersatz, Gegenwert, Entsprechung
Herkunft
lat. aequus „gleich“ + valere „wert sein“
Beispiel
Für das deutsche „Feierabend“ gibt es im Englischen kein echtes Äquivalent.
Schon gewusst?
Die Chemie rechnet in „Äquivalenten“, die Übersetzungswissenschaft ringt um „Äquivalenz“ – überall geht es um dieselbe Frage: Wann ist etwas wirklich gleich viel wert?
GegenwertEntsprechungPendant
das Desideratetwas Fehlendes, dessen Vorhandensein wünschenswert wäre; Forschungslücke
Herkunft
lat. desiderare „ersehnen, vermissen“
Beispiel
Eine Langzeitstudie zu den Folgen des Medienwandels bleibt ein Desiderat der Forschung.
Schon gewusst?
Bibliothekare führten „Desideratenlisten“ – Bücher, die der Sammlung noch fehlten. In wissenschaftlichen Arbeiten signalisiert das Wort elegant: Hier wäre noch etwas zu tun.
WunschLückeFehlendes
dezidiertentschieden, bestimmt, mit klarer Festlegung
Herkunft
lat. decidere „entscheiden“, wörtlich „abschneiden“
Beispiel
Sie vertrat dezidiert die Auffassung, dass das Projekt zu scheitern drohe.
Schon gewusst?
Im „Entscheiden“ steckt das Schneiden: Wer dezidiert auftritt, hat alle anderen Optionen abgeschnitten. Dieselbe Klinge blitzt in „scharf umrissen“ und „prägnant“.
entschiedenausdrücklichbestimmt
diametralvöllig entgegengesetzt, wie zwei Endpunkte eines Durchmessers
Herkunft
griech. diámetros „Durchmesser“
Beispiel
Die Gutachten kamen zu diametral entgegengesetzten Ergebnissen.
Schon gewusst?
Geometrie als Argumentationshilfe: Diametral Entgegengesetztes liegt sich auf dem Kreis maximal fern gegenüber – weiter auseinander geht es nicht.
gegensätzlichkonträrentgegengesetzt
die DichotomieZweiteilung; strikte Aufteilung in zwei einander ausschließende Bereiche
Herkunft
griech. dícha „entzwei“ + tomé „Schnitt“
Beispiel
Die Dichotomie von Körper und Geist prägt die abendländische Philosophie seit Descartes.
Schon gewusst?
In der Botanik bezeichnet Dichotomie die Gabelteilung von Sprossen – das Wort wanderte von dort in Philosophie und Alltagssprache.
ZweiteilungGegensatzpaarPolarität
die DiskrepanzMissverhältnis, Widerspruch zwischen zwei Dingen, die eigentlich übereinstimmen sollten
Herkunft
lat. discrepare „nicht übereinstimmen“, wörtlich „auseinanderklingen“ (crepare „klappern, tönen“)
Beispiel
Zwischen seinem Anspruch und seiner Leistung klafft eine erhebliche Diskrepanz.
Schon gewusst?
Das Wort stammt aus der Akustik: Zwei Töne, die nicht harmonieren, „diskrepieren“ – sie klingen auseinander.
MissverhältnisKluftUnstimmigkeit
der Diskursgeordnete öffentliche Erörterung; das Gesamtgespräch einer Gesellschaft über ein Thema
Herkunft
lat. discursus „das Umherlaufen“, zu discurrere „auseinanderlaufen“
Beispiel
Der öffentliche Diskurs über künstliche Intelligenz schwankt zwischen Euphorie und Untergangsangst.
Schon gewusst?
Der Philosoph Michel Foucault machte den Begriff zum Schlüsselwort: Diskurse bestimmen, was sagbar ist – und was nicht. Wörtlich ist der Diskurs ein „Hin- und Herlaufen“ der Argumente.
DebatteErörterungGedankenaustausch
das Dogmaunumstößlicher Glaubens- oder Lehrsatz, der nicht hinterfragt werden darf
Herkunft
griech. dógma „Meinung, Beschluss“, zu dokein „scheinen, glauben“
Beispiel
Das Dogma der effizienten Märkte geriet in der Finanzkrise ins Wanken.
Schon gewusst?
In der katholischen Kirche sind Dogmen förmlich verkündete Glaubenssätze. Die Wissenschaft versteht sich als deren Gegenteil – und muss sich doch stets fragen, wo eigene Dogmen lauern.
GlaubenssatzLehrsatzunumstößliche Doktrin
die DoktrinLehrmeinung, festgefügtes System von Grundsätzen (oft mit starrem Beiklang)
Herkunft
lat. doctrina „Lehre“, zu docere „lehren“
Beispiel
Die außenpolitische Doktrin des Landes ließ wenig Raum für pragmatische Kompromisse.
Schon gewusst?
Berühmt: die Monroe-Doktrin (1823), die Europas Mächte aus Amerika heraushalten sollte. „Doktrinär“ ist heute ein Vorwurf – wer doktrinär denkt, hat aufgehört zu prüfen.
LehreLeitlinieDogma
eklatantoffenkundig und aufsehenerregend; in auffälliger Weise deutlich (meist negativ)
Herkunft
frz. éclatant „glänzend, schallend“, zu éclater „knallen, bersten“
Beispiel
Der Bericht offenbarte eklatante Mängel im Sicherheitskonzept des Konzerns.
Schon gewusst?
Im Französischen ist „éclatant“ positiv („strahlend“) – im Deutschen kippte die Bedeutung ins Skandalöse: ein klassischer Bedeutungswandel bei Lehnwörtern.
offenkundiggravierendhimmelschreiend
elaboriertsorgfältig ausgearbeitet, differenziert und auf hohem Niveau entwickelt
Herkunft
lat. elaborare „sorgfältig ausarbeiten“
Beispiel
Sie beeindruckte die Jury mit einer elaborierten Argumentation, die jeden Einwand vorwegnahm.
Schon gewusst?
Der Soziolinguist Basil Bernstein unterschied den „elaborierten Code“ der Bildungssprache vom „restringierten Code“ der Alltagssprache – Ihr tägliches Training zielt genau auf Ersteren.
ausgefeiltdifferenziertanspruchsvoll
die EloquenzRedegewandtheit, Wortgewalt; die Kunst, sich treffend, flüssig und überzeugend auszudrücken
Herkunft
lat. eloquentia, zu eloqui „aussprechen, heraussprechen“
Beispiel
Ihre Eloquenz machte aus trockenen Quartalszahlen ein Plädoyer, dem der Aufsichtsrat gebannt folgte.
Schon gewusst?
Ciceros Schrift „De oratore“ gilt als Gründungsdokument der Eloquenz-Lehre. Sein Ideal: Nur wer umfassend gebildet ist, kann wahrhaft beredt sein – Wortschatz ist Weltwissen.
RedegewandtheitBeredsamkeitSprachgewalt
die EmphaseNachdruck, gefühlsstarke Eindringlichkeit im Ausdruck
Herkunft
griech. émphasis „Verdeutlichung“
Beispiel
Mit großer Emphase beschwor sie die Delegierten, den Reformkurs nicht zu verlassen.
Schon gewusst?
Das zugehörige Adjektiv „emphatisch“ (nachdrücklich) wird ständig mit „empathisch“ (einfühlsam) verwechselt – ein beliebter Stolperstein selbst in Leitartikeln.
NachdruckInbrunstEindringlichkeit
enigmatischrätselhaft, geheimnisvoll, schwer zu deuten
Herkunft
griech. aínigma „Rätsel“
Beispiel
Ihr enigmatisches Lächeln ließ offen, ob sie das Angebot annehmen würde.
Schon gewusst?
Die legendäre deutsche Chiffriermaschine „Enigma“ trug ihren Namen zu Recht – bis Alan Turing und sein Team das Rätsel knackten und damit Computergeschichte schrieben.
rätselhaftgeheimnisvollkryptisch
die Entitäteigenständig existierende Einheit; etwas, das als abgrenzbares Etwas besteht
Herkunft
mittellat. entitas, zu lat. ens „das Seiende“
Beispiel
Die Tochterfirma agiert als eigenständige rechtliche Entität.
Schon gewusst?
Vom Philosophenwort zum IT-Begriff: In Datenbanken ist die „Entity“ jedes abgrenzbare Objekt – Kunde, Produkt, Bestellung. Ockhams Rasiermesser mahnt: Entitäten nicht unnötig vermehren!
EinheitWesenGebilde
ephemerflüchtig, von kurzer Dauer, schnell vergänglich
Herkunft
griech. ephēmeros „für einen Tag“ (epí „auf“ + hēméra „Tag“)
Beispiel
Der Ruhm in sozialen Netzwerken ist ephemer – heute viral, morgen vergessen.
Schon gewusst?
Die Eintagsfliege heißt zoologisch „Ephemera“. Kunstformen wie Sandmandalas oder Street-Art machen die Vergänglichkeit selbst zum Programm – „ephemere Kunst“.
flüchtigkurzlebigvergänglich
erratischunberechenbar, regellos verstreut; verirrt wirkend
Herkunft
lat. errare „irren, umherschweifen“
Beispiel
Die Kursentwicklung verlief so erratisch, dass selbst erfahrene Analysten kapitulierten.
Schon gewusst?
Geologen nennen von Gletschern verschleppte Findlinge „erratische Blöcke“ – Steine, die sich in fremde Landschaften „verirrt“ haben.
unberechenbarsprunghaftregellos
evidentoffensichtlich, unmittelbar einleuchtend, keines Beweises bedürfend
Herkunft
lat. evidens „ersichtlich“, zu videre „sehen“
Beispiel
Dass die beiden Phänomene zusammenhängen, ist evident – strittig ist nur die Richtung der Kausalität.
Schon gewusst?
In der Medizin meint „Evidenz“ das Gegenteil von Augenschein: empirisch belegte Wirksamkeit („evidenzbasierte Medizin“) – ein Anglizismus-Import von „evidence“.
offenkundigaugenfälligunbestreitbar
das FaibleSchwäche im Sinne einer Vorliebe; besondere Neigung zu etwas
Herkunft
frz. faible „schwach“, zu lat. flebilis „beweinenswert“
Beispiel
Sie hatte ein Faible für Füllfederhalter aus den Fünfzigerjahren.
Schon gewusst?
Wörtlich bekennt man mit einem Faible eine „Schwäche“ – die charmanteste Art, eine Leidenschaft zuzugeben. Gesprochen: [ˈfɛːbl̩].
VorliebeSchwächeHang
die FrugalitätGenügsamkeit, maßvolle Einfachheit (besonders bei Essen und Lebensstil)
Herkunft
lat. frugalis „zu den Früchten gehörig; ordentlich, sparsam“
Beispiel
Er lebte trotz Vermögens von erlesener Frugalität: ein Zimmer, hundert Bücher, ein Fahrrad.
Schon gewusst?
Kurioserweise verstehen viele „ein frugales Mahl“ als „üppig“ – das Gegenteil ist richtig. Solche massenhaft missverstandenen Wörter kippen manchmal historisch ihre Bedeutung.
GenügsamkeitBescheidenheitEinfachheit
fulminantglänzend, mitreißend, von durchschlagender Wirkung
Herkunft
lat. fulmen „Blitz“
Beispiel
Die Pianistin legte einen fulminanten Auftritt hin, der das Publikum von den Sitzen riss.
Schon gewusst?
Ein fulminanter Auftakt schlägt wörtlich „wie der Blitz“ ein. In der Medizin hat „fulminant“ dagegen einen dunklen Klang: ein fulminanter Verlauf ist ein blitzartig schwerer.
glänzendfuriosüberwältigend
genuinecht, ursprünglich, einer Sache von Natur aus eigen
Herkunft
lat. genuinus „angeboren, echt“, verwandt mit genus „Geschlecht, Ursprung“
Beispiel
Ihr Interesse an der Sache war genuin – nicht bloß strategisch vorgetäuscht.
Schon gewusst?
Die römische Sitte, ein Neugeborenes zur Anerkennung auf das Knie (genu) des Vaters zu setzen, soll etymologisch mitschwingen – eine schöne, wenn auch umstrittene Deutung.
echtursprünglichauthentisch
gravitätischwürdevoll-gemessen, mit betonter Ernsthaftigkeit (oft leicht ironisch)
Herkunft
lat. gravitas „Schwere, Würde“
Beispiel
Gravitätisch schritt der Zeremonienmeister die Ehrengäste ab.
Schon gewusst?
Die römische „gravitas“ war eine Kardinaltugend: ernste Würde. Im Deutschen schwingt heute meist ein Schmunzeln mit – gravitätisch ist, wer Würde ein wenig zu sichtbar trägt.
würdevollfeierlichgemessen
der HabitusGesamterscheinung und Haltung eines Menschen; einverleibte Prägung durch Herkunft und Milieu
Herkunft
lat. habitus „Haltung, Aussehen“, zu habere „haben, sich halten“
Beispiel
Schon sein Habitus – die Wortwahl, die Gesten, der Gang – verriet den Diplomaten alter Schule.
Schon gewusst?
Der Soziologe Pierre Bourdieu machte den Habitus zum Schlüsselbegriff: Unsere Herkunft schreibt sich in Körper und Geschmack ein – und öffnet oder verschließt Türen.
AuftretenErscheinungsbildGebaren
die Hybrisfrevelhafte Selbstüberhebung; vermessener Übermut, der den eigenen Fall provoziert
Herkunft
griech. hýbris „Übermut, Frevel“
Beispiel
Es war pure Hybris, das Projekt ohne jede Risikoanalyse in der halben Zeit durchdrücken zu wollen.
Schon gewusst?
In der griechischen Tragödie folgt auf die Hybris unweigerlich die Nemesis – die strafende Gerechtigkeit. Ikarus ist der berühmteste Fall.
SelbstüberschätzungVermessenheitÜbermut
die Idiosynkrasieeigentümliche Abneigung oder Überempfindlichkeit; persönliche Eigenheit
Herkunft
griech. ídios „eigen“ + sýnkrasis „Mischung“ – die „eigene Mischung“ der Körpersäfte
Beispiel
Seine Idiosynkrasie gegen Anglizismen machte jede Marketingbesprechung zum Minenfeld.
Schon gewusst?
Die antike Medizin erklärte Charaktere durch die individuelle Mischung der Körpersäfte. Das Adjektiv „idiosynkratisch“ meint heute oft schlicht: höchst eigenwillig.
EigenheitAversionMarotte
imminentunmittelbar bevorstehend, drohend nahe
Herkunft
lat. imminere „hereinragen, drohen“
Beispiel
Angesichts der imminenten Zahlungsunfähigkeit berief der Vorstand eine Krisensitzung ein.
Schon gewusst?
Nicht mit „eminent“ (herausragend) verwechseln – ein einziger Buchstabe trennt die drohende Gefahr vom hohen Rang. Solche Paare heißen Paronyme.
bevorstehenddrohendnahend
impertinentunverschämt, dreist, ungehörig
Herkunft
lat. impertinens „nicht zur Sache gehörig“
Beispiel
Mit impertinenter Selbstverständlichkeit nahm er den reservierten Platz in Beschlag.
Schon gewusst?
Bedeutungswandel im Zeitraffer: Aus „nicht zur Sache gehörig“ (so noch das englische „impertinent“ im 17. Jh.) wurde „aufdringlich“ und schließlich „frech“.
unverschämtdreistanmaßend
inhärenteiner Sache innewohnend, untrennbar mit ihr verbunden
Herkunft
lat. inhaerere „anhaften, ankleben“
Beispiel
Jeder Prognose ist eine gewisse Unsicherheit inhärent.
Schon gewusst?
Juristen und Philosophen lieben das Wort: Die Menschenwürde etwa gilt als dem Menschen inhärent – niemand kann sie verleihen oder entziehen.
innewohnendimmanenteingebaut
insinuierenetwas unterschwellig andeuten, meist eine unausgesprochene Unterstellung
Herkunft
lat. insinuare „in den Busen (sinus) schieben, sich einschmeicheln“
Beispiel
Mit seiner Frage insinuierte er, die Zahlen seien geschönt worden – ohne es je auszusprechen.
Schon gewusst?
Eine rhetorisch heikle Waffe: Wer insinuiert, kann stets bestreiten, etwas behauptet zu haben. In Debatten lohnt es, Insinuationen explizit zu benennen.
unterstellenandeutendurchblicken lassen
integerunbestechlich, moralisch einwandfrei, von untadeliger Haltung
Herkunft
lat. integer „unversehrt, ganz“ (in + tangere: „unberührt“)
Beispiel
Man mochte seine Ansichten teilen oder nicht – als integer galt er selbst seinen Gegnern.
Schon gewusst?
Dieselbe Wurzel wie die „Integer“-Zahl der Informatik (ganze Zahl) und die „Integration“: Alles kreist um das lateinische Bild der Ganzheit, des Unversehrten.
unbestechlichrechtschaffenuntadelig
intrinsischvon innen kommend, aus der Sache selbst heraus motiviert
Herkunft
lat. intrinsecus „inwendig, von innen“
Beispiel
Wer intrinsisch motiviert lernt, braucht weder Noten noch Belohnung als Antrieb.
Schon gewusst?
Das Gegenstück heißt „extrinsisch“ (von außen belohnt). Die Motivationsforschung zeigt: Externe Belohnungen können intrinsische Freude sogar verdrängen – der „Korrumpierungseffekt“.
innerlichaus eigenem Antriebselbstmotiviert
der Kanonverbindlicher Bestand an Werken, Regeln oder Wissen; Maßstab des Gültigen
Herkunft
griech. kanón „Rohrstab, Richtscheit, Regel“
Beispiel
Ob Fontane oder Kafka – über den literarischen Kanon der Schule wird alle Jahre neu gestritten.
Schon gewusst?
Ursprünglich ein Messwerkzeug der Bauleute. Der Bildhauer Polyklet nannte seine Proportionslehre „Kanon“ – seither bezeichnet das Wort das Mustergültige schlechthin.
RegelwerkMaßstabKorpus
die Kapazität(neben Fassungsvermögen:) herausragender Experte, anerkannte Autorität eines Fachs
Herkunft
lat. capacitas „Fassungsvermögen“, zu capere „fassen“
Beispiel
Als Kapazität auf dem Gebiet der Vulkanologie wurde sie weltweit zu Gutachten herangezogen.
Schon gewusst?
Die Doppelbedeutung ist kein Zufall: Eine Kapazität ist jemand, der besonders viel „fasst“ – das Bild des randvollen Wissensspeichers.
KoryphäeExperteAutorität
kohärentzusammenhängend, in sich stimmig und logisch verknüpft
Herkunft
lat. cohaerere „zusammenhängen“
Beispiel
Erst durch die Umstellung der Kapitel wurde aus dem Materialberg ein kohärenter Text.
Schon gewusst?
In der Physik bezeichnet Kohärenz die feste Phasenbeziehung von Wellen – Laserlicht ist kohärent. Die Alltagsbedeutung „stimmig“ ist eine Metapher darauf.
stimmigschlüssigfolgerichtig
kolportierenGerüchte oder ungesicherte Nachrichten verbreiten, weitertragen
Herkunft
frz. colporter „hausieren“, zu lat. comportare „zusammentragen“; volksetymologisch gedeutet als col „Hals“ + porter „tragen“ – der Bauchladen des Hausierers
Beispiel
In der Branche wird kolportiert, die Fusion sei längst beschlossene Sache.
Schon gewusst?
Der „Kolportageroman“ war der im Hausierhandel vertriebene Groschenroman – daher der abschätzige Beiklang: Kolportiertes ist Ware, nicht Wahrheit.
verbreitenherumerzählenstreuen
kompensierenausgleichen, ersetzen, ein Defizit durch etwas anderes aufwiegen
Herkunft
lat. compensare „gegeneinander abwägen“
Beispiel
Fehlende Erfahrung kompensierte sie durch akribische Vorbereitung.
Schon gewusst?
Alfred Adler baute seine Individualpsychologie auf dem Begriff auf: Minderwertigkeitsgefühle würden durch Leistung „kompensiert“ – manchmal auch überkompensiert.
ausgleichenaufwiegenwettmachen
das Konglomeratzusammengewürfelte Mischung; Zusammenballung Verschiedenartigen
Herkunft
lat. conglomerare „zusammenballen“, zu glomus „Knäuel“
Beispiel
Der Konzern war ein Konglomerat aus Reederei, Modehaus und Softwareschmiede – ohne erkennbare Strategie.
Schon gewusst?
In der Geologie ist Konglomerat verfestigtes Geröll: Kieselsteine, die zu Fels verbacken sind. Das Bild passt auf manchen Mischkonzern erstaunlich gut.
GemischAnsammlungSammelsurium
die Konnotationgefühlsmäßige oder assoziative Nebenbedeutung eines Wortes jenseits seiner Grundbedeutung
Herkunft
lat. con „mit“ + notare „bezeichnen“
Beispiel
„Sparsam“ und „geizig“ bezeichnen dasselbe Verhalten – ihre Konnotationen aber trennen Welten.
Schon gewusst?
Eloquenz heißt vor allem: Konnotationen beherrschen. Wer „beharrlich“ statt „stur“ sagt, urteilt anders, ohne die Fakten zu ändern.
NebenbedeutungBeiklangAssoziation
konsolidierenfestigen, sichern, auf eine stabile Grundlage stellen
Herkunft
lat. consolidare „fest machen“, zu solidus „fest, gediegen“
Beispiel
Nach Jahren des Wachstums galt es nun, die Marktposition zu konsolidieren.
Schon gewusst?
Im „Konsolidieren“ steckt der „Solidus“, eine stabile römische Goldmünze – von ihr stammen auch „solide“, „Sold“ und der „Soldat“ (der für Sold Dienende).
festigenstabilisierensichern
die Kontemplationversunkene, beschauliche Betrachtung; geistige Sammlung
Herkunft
lat. contemplatio „Betrachtung“, zu templum – der vom Auguren abgegrenzte Beobachtungsbezirk am Himmel
Beispiel
Der japanische Garten lädt zur Kontemplation ein – jedes Element hat seinen bedachten Ort.
Schon gewusst?
Im „Tempel“ und in der „Kontemplation“ steckt dieselbe Wurzel: der ausgegrenzte Raum für den prüfenden Blick. Wer kontempliert, errichtet einen inneren Tempel.
VersenkungBetrachtungEinkehr
die KonvergenzAnnäherung, Zusammenlaufen verschiedener Entwicklungen auf einen Punkt
Herkunft
lat. convergere „sich zusammenneigen“
Beispiel
Die Konvergenz von Fernsehen, Internet und Telefonie hat ganze Branchen verschmolzen.
Schon gewusst?
Die Evolution kennt „konvergente Entwicklung“: Delfin und Hai sehen sich ähnlich, ohne verwandt zu sein – gleiche Anforderungen formen gleiche Lösungen.
AnnäherungZusammenlaufenAngleichung
die Korrelationmessbarer Zusammenhang zwischen zwei Größen (der keine Ursache-Wirkung sein muss!)
Herkunft
mittellat. correlatio „Wechselbeziehung“
Beispiel
Zwischen Eisverkauf und Sonnenbrandfällen besteht eine hohe Korrelation – Ursache ist bei beiden die Sonne.
Schon gewusst?
Der wichtigste Satz der Statistik-Grundbildung: Korrelation ist keine Kausalität. Wer beides sauber trennt, entlarvt die Hälfte aller Schlagzeilen.
ZusammenhangWechselbeziehungBeziehung
die Koryphäeherausragende Fachgröße, führender Kopf eines Gebiets
Herkunft
griech. koryphaios „Chorführer“, zu koryphé „Scheitel, Gipfel“
Beispiel
Für die Restaurierung gewann das Museum eine Koryphäe der Gemäldekunde.
Schon gewusst?
Im antiken Theater führte der Koryphäe den Chor an – wer heute Koryphäe ist, gibt in seinem Fach den Ton an. Achtung: Das Wort ist feminin, auch für Männer: „Er ist eine Koryphäe.“
KapazitätGrößeMeister des Fachs
kulminierenden Höhepunkt erreichen, gipfeln
Herkunft
lat. culmen „Gipfel, First“
Beispiel
Die monatelangen Spannungen kulminierten in einem offenen Schlagabtausch auf der Jahresversammlung.
Schon gewusst?
Aus der Astronomie: Ein Gestirn kulminiert, wenn es seinen höchsten Punkt über dem Horizont erreicht – die Sonne tut das mittags.
gipfelnsich zuspitzenden Höhepunkt erreichen
lapidarkurz und bündig, ohne Umschweife; von wuchtiger Knappheit
Herkunft
lat. lapis „Stein“ – wie eine in Stein gemeißelte Inschrift
Beispiel
Auf die aufgeregte Anfrage antwortete sie lapidar: „Ist erledigt.“
Schon gewusst?
Steinmetze mussten sich kurzfassen – jede Zeile kostete Zeit und Geld. Daher die Bedeutung: knapp wie eine römische Grabinschrift.
knappbündigschnörkellos
latentverborgen vorhanden, (noch) nicht offen in Erscheinung tretend
Herkunft
lat. latere „verborgen sein“
Beispiel
Der Konflikt schwelte latent seit Jahren, ehe er auf der Betriebsversammlung offen ausbrach.
Schon gewusst?
Die „Latenzzeit“ kennt man aus Medizin (Zeit bis zum Symptomausbruch) und Technik (Verzögerung bei Datenübertragung) – dasselbe Wort, zwei Fachwelten.
verborgenunterschwelligschlummernd
luzideglasklar, hell und durchdringend klar (im Denken oder Ausdruck)
Herkunft
lat. lucidus „hell, leuchtend“, zu lux „Licht“
Beispiel
Noch mit neunzig analysierte sie das Zeitgeschehen mit luzider Schärfe.
Schon gewusst?
„Luzides Träumen“ ist der Klartraum, in dem man weiß, dass man träumt – dieselbe Klarheit, nur im Schlaf. Verwandt: Luzifer, der „Lichtträger“.
glasklarhellsichtigscharfsinnig
marginalgeringfügig, am Rande liegend, kaum ins Gewicht fallend
Herkunft
lat. margo „Rand“
Beispiel
Die Änderungen am Entwurf waren rein marginal – zwei Kommas und eine Fußnote.
Schon gewusst?
„Marginalien“ sind die Randbemerkungen in Büchern; die Ökonomie rechnet mit „Marginalkosten“ (Kosten der letzten Einheit). Der Rand ist begrifflich produktiver als gedacht.
geringfügigunwesentlichnebensächlich
die Maximeoberster persönlicher Grundsatz, Leitregel des Handelns
Herkunft
lat. maxima (regula) „größte (Regel)“
Beispiel
„Erst zuhören, dann urteilen“ – nach dieser Maxime führte sie dreißig Jahre lang Personalgespräche.
Schon gewusst?
Kants berühmter Kategorischer Imperativ handelt von Maximen: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
GrundsatzLeitsatzPrinzip
die MelangeMischung, Gemenge (auch: Wiener Milchkaffee)
Herkunft
frz. mélange „Mischung“, zu mêler „mischen“
Beispiel
Sein Stil war eine eigentümliche Melange aus Amtsdeutsch und Poesie.
Schon gewusst?
In Wien bestellt man mit „eine Melange“ einen Kaffee mit aufgeschäumter Milch. Gesprochen: [meˈlãːʒ(ə)] – das nasale „an“ verrät die französische Herkunft.
MischungGemengeMixtur
das MetierHandwerk, Beruf, Tätigkeitsfeld, in dem jemand zu Hause ist
Herkunft
frz. métier, zu lat. ministerium „Dienst“
Beispiel
Verhandeln ist ihr Metier – man merkt es an jeder wohlgesetzten Pause.
Schon gewusst?
Die Wendung „vom Fach sein“ heißt gehoben: „sein Metier beherrschen“. Gesprochen: [meˈtjeː]. Dahinter steckt dasselbe lateinische Wort wie im „Ministerium“ – dem Dienst am Staat.
HandwerkFachgebietDomäne
sich mokierensich spöttisch-abfällig über etwas äußern
Herkunft
frz. se moquer „sich lustig machen“
Beispiel
Statt Argumente zu liefern, mokierte er sich über die Krawatte seines Kontrahenten.
Schon gewusst?
Feiner Unterschied: Wer spottet, greift an; wer sich mokiert, blickt herab. Das Wort transportiert immer auch eine Prise Arroganz des Sprechers.
spottensich lustig machenlästern
monierenbeanstanden, rügen, auf einen Mangel hinweisen
Herkunft
lat. monere „mahnen, erinnern“
Beispiel
Der Prüfbericht monierte vor allem die lückenhafte Dokumentation der Ausgaben.
Schon gewusst?
Nicht mit „anmahnen“ verwechseln: Monieren ist das sachliche Beanstanden, die „Monitа“ (Plural: die Beanstandungen) sind ein Fachwort der Prüfersprache. Verwandt: der „Monitor“ – ursprünglich der Ermahner.
beanstandenbemängelnrügen
das Narrativsinnstiftende Erzählung, die Ereignissen eine Deutung gibt und Gemeinschaften prägt
Herkunft
lat. narrare „erzählen“
Beispiel
Das Narrativ vom Tellerwäscher, der Millionär wird, prägt das amerikanische Selbstbild bis heute.
Schon gewusst?
Aus der Erzähltheorie in die Politiksprache gewandert und dort inzwischen so ubiquitär, dass Sprachkritiker es zum Modewort erklärt haben – dosiert einsetzen!
ErzählungDeutungsmusterStory
die Nonchalancelässige Unbekümmertheit; elegante Gleichgültigkeit gegenüber Konventionen oder Schwierigkeiten
Herkunft
frz. nonchalance, zu lat. non + calere „nicht erhitzt sein“
Beispiel
Mit bewundernswerter Nonchalance überging er den Zwischenruf und setzte seinen Vortrag fort.
Schon gewusst?
Wörtlich bedeutet es „Nicht-Erhitztheit“ – wer nonchalant ist, lässt sich buchstäblich nicht heiß machen. Gesprochen: [nõʃaˈlãːs].
LässigkeitGelassenheitUnbekümmertheit
obsoletveraltet, überholt, nicht mehr gebräuchlich oder nötig
Herkunft
lat. obsoletus „abgenutzt, aus der Mode gekommen“
Beispiel
Durch die neue Software wurde das mühsame manuelle Abgleichen der Listen obsolet.
Schon gewusst?
In der Technik gibt es die „geplante Obsoleszenz“: Produkte, die absichtlich so gebaut sind, dass sie früh veralten oder kaputtgehen.
überholthinfälligausgedient
oktroyierenetwas von oben herab aufzwingen, ohne die Betroffenen zu beteiligen
Herkunft
frz. octroyer „bewilligen“, zu lat. auctorare „verbürgen“
Beispiel
Die Reform wurde den Fachbereichen ohne jede Anhörung oktroyiert.
Schon gewusst?
Historisch ist die „oktroyierte Verfassung“ eine vom Monarchen einseitig erlassene Verfassung – etwa die preußische von 1848. Gesprochen: [ɔktʁoaˈjiːʁən].
aufzwingendiktierenverordnen
omnipräsentallgegenwärtig, überall zugleich anzutreffen
Herkunft
lat. omnis „all, jeder“ + praesens „gegenwärtig“
Beispiel
In der Werbepause war der Jingle omnipräsent – nach einer Woche summte ihn das ganze Land.
Schon gewusst?
Ursprünglich ein theologischer Begriff: die Allgegenwart Gottes (Omnipräsenz). Heute beschreibt er eher Popsongs und Politiker im Wahlkampf.
allgegenwärtigubiquitärüberall präsent
ostentativbetont zur Schau gestellt, demonstrativ
Herkunft
lat. ostentare „prahlend zeigen“
Beispiel
Ostentativ legte er die Sportzeitung auf den Konferenztisch, als der Chef von Überstunden sprach.
Schon gewusst?
Der Ökonom Thorstein Veblen prägte den Begriff des „ostentativen Konsums“: Luxus, dessen einziger Zweck es ist, gesehen zu werden.
demonstrativbetontzur Schau gestellt
das Paradigmagrundlegendes Denkmuster; beispielhaftes Modell, das eine ganze Epoche oder Disziplin prägt
Herkunft
griech. parádeigma „Beispiel, Muster“
Beispiel
Die Digitalisierung hat das Paradigma der Arbeitswelt verschoben: Präsenz zählt weniger als Ergebnis.
Schon gewusst?
Der Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn machte den „Paradigmenwechsel“ 1962 berühmt: Wissenschaft schreite nicht stetig fort, sondern in Revolutionen.
DenkmusterLeitbildMusterbeispiel
pejorativabwertend, mit herabsetzendem Beiklang
Herkunft
lat. peior „schlechter“ (Komparativ von malus)
Beispiel
„Beamtenmentalität“ wird fast ausschließlich pejorativ gebraucht.
Schon gewusst?
Sprachgeschichte kennt die „Pejorisierung“: Wörter rutschen ab. „Weib“ war einst neutral, „gemein“ hieß „allgemein“ – und „billig“ bedeutete „angemessen“ (recht und billig).
abwertendherabsetzendgeringschätzig
das PendantGegenstück, Entsprechung auf der anderen Seite
Herkunft
frz. pendant „herabhängend“, zu pendre „hängen“ – ursprünglich das paarweise hängende Schmuck- oder Bildstück
Beispiel
Die Handelskammer gilt als Pendant zur Handwerkskammer im industriellen Bereich.
Schon gewusst?
Ohrgehänge und Gemälde wurden paarweise aufgehängt – das eine war das „Pendant“ des anderen. Gesprochen: [pãˈdãː], mit zwei Nasalen.
GegenstückEntsprechungWiderpart
peripheram Rande liegend, nebensächlich, nicht zum Kern gehörend
Herkunft
griech. periphérein „herumtragen“; peripheria „Kreislinie“
Beispiel
Die Frage der Farbgestaltung ist für den Projekterfolg eher peripher.
Schon gewusst?
Computerzubehör heißt „Peripherie“, weil es – wie Vorstädte um ein Zentrum – um den Rechnerkern angeordnet ist.
randständignebensächlichmarginal
die Persiflagegeistreiche, feine Verspottung durch übertreibende Nachahmung
Herkunft
frz. persifler „verspotten“, zu siffler „pfeifen“
Beispiel
Der Sketch war eine treffsichere Persiflage auf die Ratlosigkeit politischer Talkshows.
Schon gewusst?
Wörtlich steckt das „Auspfeifen“ darin. Abgrenzung: Die Parodie ahmt ein Werk nach, die Persiflage zielt aufs Dahinterliegende – Haltung, Milieu, Zeitgeist. Gesprochen: [pɛʁziˈflaːʒə].
VerspottungParodieKarikatur
die Physiognomieäußere Erscheinung, besonders die charakteristischen Gesichtszüge
Herkunft
griech. phýsis „Natur“ + gnṓmē „Erkenntnis“
Beispiel
Die zerfurchte Physiognomie des alten Kapitäns erzählte von vierzig Jahren Seefahrt.
Schon gewusst?
Die „Physiognomik“ – Charakterdeutung aus Gesichtszügen – war im 18. Jh. dank Lavater Mode und ist wissenschaftlich längst widerlegt. Das Wort überlebte als gehobene Beschreibung.
GesichtszügeAntlitzErscheinungsbild
plausibeleinleuchtend, nachvollziehbar, glaubhaft (aber nicht zwingend bewiesen)
Herkunft
lat. plausibilis „Beifall verdienend“, zu plaudere „klatschen“
Beispiel
Ihre Erklärung klingt plausibel, aber wir sollten die Zahlen dennoch nachprüfen.
Schon gewusst?
Wörtlich verdient das Plausible „Applaus“ – dieselbe Wurzel steckt in „Plauze“ nicht, wohl aber in „applaudieren“ und „plausibilisieren“.
einleuchtendnachvollziehbarglaubhaft
die Polemikscharfer, oft persönlich zugespitzter Meinungsstreit; Streitschrift
Herkunft
griech. polemikós „kriegerisch“, zu pólemos „Krieg“
Beispiel
Seine Entgegnung war brillant geschrieben, aber mehr Polemik als Analyse.
Schon gewusst?
Wörtlich ist Polemik „Kriegskunst mit Worten“. Meister wie Lessing oder Karl Kraus zeigten: Gute Polemik ist ein Florett, keine Keule – sie trifft die Sache durch die Person hindurch.
StreitschriftAttackeSchmähkritik
postulierenetwas als gegeben fordern oder behaupten, ohne es zu beweisen
Herkunft
lat. postulare „fordern“
Beispiel
Die Theorie postuliert einen Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und Wahlbeteiligung.
Schon gewusst?
Ein „Postulat“ ist in der Mathematik ein Axiom light: Euklids Parallelenpostulat beschäftigte die Geometrie über 2000 Jahre – bis man merkte, dass auch ohne es Geometrien möglich sind.
fordernvoraussetzenbehaupten
prägnanttreffend und einprägsam auf den Punkt gebracht; gehaltvoll bei knapper Form
Herkunft
lat. praegnans „schwanger, trächtig“ – voll von Bedeutung
Beispiel
Fassen Sie Ihre Kernbotschaft in einem prägnanten Satz zusammen, den man zitieren kann.
Schon gewusst?
Das schönste Bild der Bildungssprache: Ein prägnanter Satz ist „schwanger“ vor Bedeutung – maximaler Inhalt in minimaler Form. Das Ideal jeder Eloquenz.
treffendpointiertgriffig
die PrämisseVoraussetzung, Vorannahme, aus der eine Schlussfolgerung gezogen wird
Herkunft
lat. praemissa „das Vorausgeschickte“
Beispiel
Ihre Rechnung geht nur auf, wenn die Prämisse stimmt, dass die Nachfrage konstant bleibt.
Schon gewusst?
Im klassischen Syllogismus führen zwei Prämissen zur Konklusion: „Alle Menschen sind sterblich. Sokrates ist ein Mensch. Also ist Sokrates sterblich.“ Wer Debatten gewinnen will, greift die Prämissen an, nicht die Schlüsse.
VoraussetzungAnnahmeAusgangspunkt
die Prävalenzdas Überwiegen, Vorherrschen; in der Medizin: Häufigkeit einer Krankheit in der Bevölkerung
Herkunft
lat. praevalere „stärker sein, überwiegen“
Beispiel
Die Prävalenz von Kurzsichtigkeit hat bei Jugendlichen weltweit deutlich zugenommen.
Schon gewusst?
Nicht mit „Inzidenz“ verwechseln: Die Inzidenz zählt Neuerkrankungen pro Zeitraum, die Prävalenz alle Bestandsfälle zu einem Zeitpunkt.
VorherrschenVerbreitungHäufigkeit
profundtiefgründig, auf gründlichem Wissen beruhend
Herkunft
lat. profundus „tief, bodenlos“
Beispiel
Ihre profunde Kenntnis der Aktenlage machte sie in der Verhandlung unangreifbar.
Schon gewusst?
Dasselbe Wort steckt im englischen „profound“ und im französischen „profond“ (tief). Ein profunder Kenner hat sein Wissen buchstäblich „vom Grund“ geholt.
tiefgehendfundiertgründlich
prokrastinierenAufgaben chronisch aufschieben, sich in Ersatzhandlungen flüchten
Herkunft
lat. procrastinare „auf morgen (cras) verschieben“
Beispiel
Statt den Bericht zu schreiben, prokrastinierte er drei Stunden lang mit dem Sortieren seiner Ablage.
Schon gewusst?
Im Lateinischen steckt „cras“ – morgen. Die Psychologie unterscheidet übrigens Aufschieben aus Angst vom Aufschieben aus Langeweile; die Gegenmittel sind verschieden.
aufschiebenvertagenhinauszögern
die Querelenandauernde Streitigkeiten, Zwistigkeiten (meist intern)
Herkunft
lat. querela „Klage, Beschwerde“
Beispiel
Interne Querelen lähmten den Vorstand über Monate.
Schon gewusst?
Fast nur im Plural gebräuchlich – Querelen kommen selten allein. Die „Querela“ war im römischen Recht eine förmliche Klage; übrig blieb das Gezänk.
StreitigkeitenZwistReibereien
der Querulantjemand, der aus Prinzip nörgelt und sich notorisch beschwert
Herkunft
lat. queri „klagen“
Beispiel
Man tat seine berechtigten Einwände als Genörgel eines Querulanten ab – bis der Schaden eintrat.
Schon gewusst?
Vorsicht mit dem Wort: Als „Querulantenwahn“ war es einst psychiatrische Diagnose und diente auch dazu, unbequeme Beschwerdeführer mundtot zu machen.
NörglerBeschwerdeführerStreithammel
redundantüberflüssig wiederholt, mehrfach vorhanden, ohne zusätzlichen Informationswert
Herkunft
lat. redundare „überströmen, im Überfluss vorhanden sein“
Beispiel
Streichen Sie redundante Passagen – jede Wiederholung schwächt Ihr stärkstes Argument.
Schon gewusst?
In der Technik ist Redundanz positiv: Flugzeuge haben redundante Systeme, damit ein Ausfall nicht zum Absturz führt. Kontext ändert die Wertung.
überflüssigdoppeltwiederholend
das RefugiumZufluchtsort, Rückzugsraum
Herkunft
lat. refugium „Zuflucht“, zu fugere „fliehen“
Beispiel
Die Bibliothek war ihr Refugium vor dem Lärm des Großraumbüros.
Schon gewusst?
In der Biologie bezeichnen „Refugien“ Gebiete, in denen Arten Eiszeiten überdauerten. Auch Ihr Lesesessel ist so gesehen ein evolutionäres Erfolgsmodell.
ZufluchtRückzugsortFreistatt
rekapitulierenzusammenfassend wiederholen, die Hauptpunkte noch einmal durchgehen
Herkunft
lat. recapitulare, zu capitulum „Hauptstück, Kapitel“
Beispiel
Lassen Sie mich kurz rekapitulieren, worauf wir uns bisher geeinigt haben.
Schon gewusst?
Wörtlich: „die Kapitel noch einmal durchgehen“. Rhetorisch Gold wert – wer am Ende rekapituliert, bestimmt, was im Gedächtnis bleibt.
zusammenfassenwiederholenresümieren
relativierenetwas in Beziehung setzen und dadurch in seiner Bedeutung einschränken
Herkunft
lat. relatio „Beziehung“, zu referre „zurücktragen“
Beispiel
Der Blick auf die Vorjahreszahlen relativiert den vermeintlichen Rekordgewinn erheblich.
Schon gewusst?
Vorsicht, Reizwort: In Debatten wird „Sie relativieren!“ oft als Vorwurf gebraucht – als Versuch, Schlimmes kleinzureden. Das Wort selbst ist neutral.
einordnenabschwächenins Verhältnis setzen
die ReminiszenzErinnerung, Anklang an Vergangenes; bewusster Rückgriff auf Früheres
Herkunft
lat. reminisci „sich erinnern“
Beispiel
Das Bühnenbild war voller Reminiszenzen an die Stummfilmära der Zwanzigerjahre.
Schon gewusst?
In der Musikwissenschaft bezeichnet „Reminiszenzmotiv“ ein wiederkehrendes Thema, das an frühere Szenen erinnert – Wagner war ihr Großmeister.
ErinnerungAnklangRückgriff
das Renommeeguter Ruf, Ansehen, Leumund
Herkunft
frz. renommée „Ruf“, zu renommer „wieder nennen, rühmen“
Beispiel
Der Skandal beschädigte das Renommee des Instituts nachhaltig.
Schon gewusst?
Wörtlich ist Renommee das „Wieder-genannt-Werden“ – berühmt ist, wessen Name oft fällt. Wer „renommiert“, gibt allerdings an: prahlt mit seinem Ruf.
AnsehenRufPrestige
die Resilienzinnere Widerstandskraft; Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und gestärkt daraus hervorzugehen
Herkunft
lat. resilire „zurückspringen, abprallen“
Beispiel
Kinder mit stabilen Bezugspersonen entwickeln nachweislich höhere Resilienz.
Schon gewusst?
Aus der Werkstoffkunde entlehnt: Resilient ist Material, das nach Verformung in seine Form zurückspringt. Die Psychologie übernahm das Bild in den 1970ern.
WiderstandskraftBelastbarkeitKrisenfestigkeit
das Ressentimentauf Vorurteilen und alten Kränkungen beruhende Abneigung; schwelender Groll
Herkunft
frz. ressentiment „Nachempfinden“, zu sentir „fühlen“
Beispiel
Seine Kritik speiste sich weniger aus Argumenten als aus altem Ressentiment gegen die Zentrale.
Schon gewusst?
Nietzsche machte das Wort philosophisch berühmt: Ressentiment als Moral der Ohnmächtigen, die ihre Schwäche zur Tugend umdeuten. Gesprochen: [rɛsãtiˈmãː].
GrollVorbehaltAnimosität
die Rezensionkritische Besprechung eines Werks (Buch, Film, Aufführung, Fachartikel)
Herkunft
lat. recensio „Musterung“, zu recensere „prüfend durchgehen“
Beispiel
Die Rezension in der Wochenzeitung machte den unbekannten Debütroman über Nacht berühmt.
Schon gewusst?
Im alten Rom war die „recensio“ die Musterung der Bürger durch den Zensor – daher auch „Zensur“. Der prüfende Blick blieb, nur das Objekt wechselte: vom Bürger zum Buch.
BesprechungKritikWürdigung
reziprokwechselseitig, aufeinander bezogen, in beide Richtungen wirkend
Herkunft
lat. reciprocus „auf demselben Weg zurückkehrend“
Beispiel
Vertrauen ist reziprok: Wer es schenkt, erhält es meist zurück.
Schon gewusst?
Das „Reziprozitätsprinzip“ ist ein Klassiker der Sozialpsychologie: Kleine Gefälligkeiten erzeugen starken Erwiderungsdruck – Grundlage vieler Verkaufstricks.
wechselseitiggegenseitigbeiderseitig
rigidestarr, unnachgiebig, streng an Regeln festhaltend
Herkunft
lat. rigidus „steif, starr“
Beispiel
Die rigide Auslegung der Vorschriften ließ keinerlei Spielraum für Sonderfälle.
Schon gewusst?
Verwandt mit „Rigor mortis“, der Totenstarre – und mit „rigoros“, das dieselbe Strenge bezeichnet, aber eher auf Handlungen zielt.
starrunnachgiebigunflexibel
rudimentärnur in Ansätzen vorhanden, unvollständig entwickelt
Herkunft
lat. rudimentum „erster Anfang, Probestück“, zu rudis „roh“
Beispiel
Seine Spanischkenntnisse waren rudimentär, reichten aber für eine herzliche Verständigung.
Schon gewusst?
Die Biologie kennt „Rudimente“: zurückgebildete Organe wie das Steißbein oder die Weisheitszähne – Souvenirs der Evolution.
ansatzweiseunvollständigbruchstückhaft
sakrosanktunantastbar, über jede Kritik oder Änderung erhaben
Herkunft
lat. sacrosanctus „geheiligt und unverletzlich“
Beispiel
Das Wochenende war für sie sakrosankt – keine Mails, keine Anrufe, keine Ausnahmen.
Schon gewusst?
Im alten Rom waren die Volkstribunen „sacrosancti“: Wer Hand an sie legte, verfiel den Göttern. Heute adelt das Wort meist ironisch private Gewohnheiten.
unantastbarheiligtabu
salomonischauf weise, alle Seiten verblüffend gerecht behandelnde Art entschieden
Herkunft
nach König Salomo, dessen Urteil (1. Könige 3) zwei Frauen den Streit um ein Kind entschied
Beispiel
Sie fand eine salomonische Lösung: Beide Teams durften das Projekt führen – nacheinander.
Schon gewusst?
Salomo drohte, das umstrittene Kind zu teilen; die wahre Mutter verzichtete – und bekam es. Ein „salomonisches Urteil“ überzeugt durch Menschenkenntnis statt Paragrafen.
weiseausgewogenklug vermittelnd
sporadischvereinzelt, gelegentlich, unregelmäßig auftretend
Herkunft
griech. sporadikós „verstreut“, zu speírein „säen, streuen“
Beispiel
Nach dem Umzug hielten sie nur noch sporadisch Kontakt.
Schon gewusst?
In „sporadisch“ steckt die „Spore“ – beides ist Ausgestreutes. Die „Sporaden“ schließlich sind eine verstreute griechische Inselgruppe: dreimal dasselbe Bild.
vereinzeltgelegentlichunregelmäßig
stigmatisierenjemanden brandmarken, mit einem entehrenden Merkmal versehen
Herkunft
griech. stígma „Brandmal, Stich“
Beispiel
Die Berichterstattung stigmatisierte das Viertel pauschal als Problemzone.
Schon gewusst?
Der Soziologe Erving Goffman analysierte in „Stigma“ (1963), wie Gesellschaften Menschen über Merkmale ausgrenzen – ein Schlüsselwerk, dessen Titelbegriff in die Alltagssprache einging.
brandmarkenabstempelnausgrenzen
stoischunerschütterlich gelassen, von äußeren Umständen unbeeindruckt
Herkunft
nach der Stoa, der Säulenhalle (griech. stoá) in Athen, in der Zenon um 300 v. Chr. lehrte
Beispiel
Stoisch ertrug er die vierte Terminverschiebung in Folge und lächelte höflich.
Schon gewusst?
Die Stoiker lehrten, nur das eigene Urteil liege in unserer Macht – ihre Schriften (Seneca, Epiktet, Marc Aurel) erleben seit Jahren ein Comeback als Lebenshilfe.
gelassenunerschütterlichgleichmütig
stringentlogisch zwingend, schlüssig und ohne gedankliche Sprünge aufgebaut
Herkunft
lat. stringere „straff anziehen, zusammenschnüren“
Beispiel
Der Aufsatz überzeugt durch eine stringente Argumentation von der These bis zum Fazit.
Schon gewusst?
Dieselbe Wurzel steckt in „strikt“ und „Strang“: Stringentes Denken ist buchstäblich „straff gespannt“ – kein Faden hängt lose.
schlüssigfolgerichtigzwingend
subtilfein, kaum merklich, mit Feingefühl; nur bei genauem Hinsehen erkennbar
Herkunft
lat. subtilis „feingewebt“, aus sub tela „unter dem Gewebe“
Beispiel
Der Film übt subtile Kritik: keine Parolen, nur vielsagende Blicke und Auslassungen.
Schon gewusst?
Das Wort stammt aus der Weberei – „subtil“ war ein besonders feiner Faden. Sprachbilder aus dem Handwerk durchziehen die gesamte Bildungssprache.
feinunterschwellignuanciert
subversivbestehende Ordnungen unterwandernd, umstürzlerisch – oft im Verborgenen
Herkunft
lat. subvertere „von unten umstürzen“
Beispiel
Unter der harmlosen Oberfläche der Komödie verbirgt sich ein zutiefst subversiver Witz.
Schon gewusst?
In der Kunstkritik ist „subversiv“ oft ein Lob: Werke, die Konventionen leise aushöhlen, statt laut zu provozieren.
umstürzlerischunterwanderndaufrührerisch
süffisantselbstgefällig-spöttisch, mit genüsslicher Überlegenheit
Herkunft
frz. suffisant „genügend; selbstgefällig“, zu lat. sufficere „ausreichen“
Beispiel
Mit süffisantem Lächeln wies er auf den Rechenfehler in der Präsentation des Kollegen hin.
Schon gewusst?
Wörtlich heißt es „sich selbst genügend“ – wer süffisant ist, findet sich sichtlich ausreichend großartig. Ein Wort wie eine hochgezogene Augenbraue.
spöttischselbstgefälligherablassend
suggestiveine bestimmte Antwort oder Deutung nahelegend, unterschwellig beeinflussend
Herkunft
lat. suggerere „von unten herantragen, einflüstern“
Beispiel
„Sie waren doch sicher wütend?“ – der Anwalt rügte die suggestive Frage sofort.
Schon gewusst?
Suggestivfragen sind vor Gericht heikel, im Verkauf Methode („Sie wollen doch das Beste für Ihre Familie?“). Wer sie erkennt, ist schwerer zu lenken.
lenkendeinflüsterndmanipulativ
das SujetGegenstand, Thema, Stoff eines künstlerischen Werks
Herkunft
frz. sujet „Gegenstand“, zu lat. subiectum „das Zugrundeliegende“
Beispiel
Das Stillleben galt lange als niederes Sujet – bis Cézanne mit Äpfeln die Malerei revolutionierte.
Schon gewusst?
Gesprochen: [zyˈʒeː]. Dasselbe lateinische Wort ergab auch „Subjekt“ – Kunstthema und Satzgegenstand sind etymologische Geschwister.
ThemaStoffMotiv
das Surrogatminderwertiger Ersatz, Behelfslösung für das Eigentliche
Herkunft
lat. surrogare „an Stelle eines anderen wählen“
Beispiel
Der ständige Nachrichtenkonsum wurde ihm zum Surrogat für echtes politisches Engagement.
Schon gewusst?
In Kriegszeiten blühte die „Surrogat-Kultur“: Eichelkaffee statt Bohnenkaffee, Rübenkraut statt Honig. Das Wort trägt diesen Beigeschmack des Notbehelfs bis heute.
ErsatzNotbehelfAttrappe
die Synergiedas Zusammenwirken, bei dem das Ganze mehr ergibt als die Summe der Teile
Herkunft
griech. synergía „Zusammenarbeit“ (syn „zusammen“ + érgon „Werk“)
Beispiel
Die Fusion versprach Synergien, die sich später als Rechenfehler der Berater erwiesen.
Schon gewusst?
Berühmt-berüchtigtes Manager-Vokabular: „Synergieeffekte heben“ ist oft ein Euphemismus für Stellenabbau. Ein Wort, das man kennen sollte – auch um es zu durchschauen.
ZusammenwirkenWechselwirkungVerbundeffekt
tangierenberühren, betreffen; am Rande mit etwas in Berührung kommen
Herkunft
lat. tangere „berühren“ – wie die Tangente, die den Kreis nur streift
Beispiel
Die neue Verordnung tangiert unser Geschäftsmodell allenfalls am Rande.
Schon gewusst?
Die saloppe Wendung „Das tangiert mich peripher“ ist ein ironisches Doppel-Fremdwort für „Das ist mir egal“ – Bildungssprache als Augenzwinkern.
berührenbetreffenstreifen
die Tiradelanger, wortreicher Erguss, meist als Schimpf- oder Vorwurfsrede
Herkunft
ital. tirata „das Ziehen, langer Zug“, zu tirare „ziehen“
Beispiel
Statt einer Antwort ergoss sich eine zehnminütige Tirade über die Undankbarkeit der Jugend.
Schon gewusst?
In der Musik ist die Tirade ein schneller Lauf zwischen zwei Noten – im Alltag ein Lauf zwischen zwei Atemzügen des Erzürnten.
SchimpfkanonadeRedeschwallErguss
der Toposfeststehendes Denk- oder Redemuster; immer wiederkehrendes Motiv
Herkunft
griech. tópos „Ort“ – der „Fundort“ für Argumente in der antiken Rhetorik
Beispiel
Der Topos vom weisen alten Lehrmeister durchzieht die Literatur von Merlin bis Yoda.
Schon gewusst?
Die antike Rhetorik lehrte „Topik“: die Kunst, für jede Rede die passenden Argument-Orte abzuschreiten. Plural übrigens: die Topoi.
GemeinplatzMotivDenkfigur
ubiquitärüberall verbreitet, allgegenwärtig
Herkunft
lat. ubique „überall“
Beispiel
Das Smartphone ist ubiquitär geworden – kein Ort, an dem es nicht aufleuchtet.
Schon gewusst?
Die Fachsprache liebt das Wort: Mediziner sprechen von ubiquitären Keimen, Informatiker von „Ubiquitous Computing“ – der Rechenleistung, die in alle Dinge einzieht.
allgegenwärtigomnipräsentflächendeckend
das Verdikt(vernichtendes) Urteil, endgültiger Spruch
Herkunft
lat. vere dictum „wahrhaft Gesagtes“
Beispiel
Das Verdikt der Kritik fiel einhellig aus: bemüht, aber belanglos.
Schon gewusst?
Im englischen Recht ist das „verdict“ bis heute der Spruch der Geschworenen. Im Deutschen klingt das Wort strenger als „Urteil“ – ein Verdikt duldet keine Berufung.
UrteilSpruchBefund
die VerveSchwung, Begeisterung, mitreißender Elan
Herkunft
frz. verve „Schwung, Begeisterung“, vermutlich zu lat. verba „Worte“
Beispiel
Mit ansteckender Verve warb sie vor dem Stadtrat für das Projekt.
Schon gewusst?
Gesprochen [vɛʁv] – das Wort bezeichnete im Französischen zuerst die rednerische Eingebung: Verve ist wörtlich die Begeisterung, die aus Worten kommt.
SchwungElanFeuer
virulentakut wirksam, brisant, gefährlich um sich greifend (auch: ansteckungsfähig)
Herkunft
lat. virulentus „giftig“, zu virus „Gift, Schleim“
Beispiel
Die Standortfrage, jahrelang vertagt, wurde nach der Fusion erneut virulent.
Schon gewusst?
Ein Beispiel für Bedeutungsübertragung aus der Medizin in die Politik: Probleme werden „virulent“ wie ein aktiv gewordener Erreger.
brisantakutdrängend
die VitaLebenslauf, Lebensbeschreibung
Herkunft
lat. vita „Leben“
Beispiel
Ihre Vita liest sich wie ein Roman: Konzertpianistin, Kriegsreporterin, schließlich Winzerin.
Schon gewusst?
Im Mittelalter war die „Vita“ die Heiligenlegende. Heute schmückt das Wort Klappentexte und Konferenzprogramme – eleganter als „CV“, wärmer als „Lebenslauf“. Plural: Viten.
LebenslaufWerdegangBiografie
volatilschwankend, unbeständig, sprunghaft veränderlich
Herkunft
lat. volatilis „flüchtig, geflügelt“, zu volare „fliegen“
Beispiel
In volatilen Märkten sind langfristige Prognosen kaum mehr als Kaffeesatzleserei.
Schon gewusst?
In der Chemie sind volatile Stoffe flüchtige Substanzen, die schnell verdampfen. Die Börse übernahm das Bild: Kurse, die „davonfliegen“.
schwankendunbeständigflatterhaft
die Zäsurmarkanter Einschnitt, der ein Vorher und Nachher trennt
Herkunft
lat. caesura „Schnitt“, zu caedere „fällen, schneiden“
Beispiel
Der Mauerfall markiert die tiefste Zäsur der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Schon gewusst?
Ursprünglich ein Fachwort der Verslehre: die Sprechpause mitten in der Verszeile. Von dort wanderte es in Geschichtsschreibung und Feuilleton.
EinschnittWendepunktBruch
der ZenitHöhepunkt, Gipfel einer Entwicklung (astronomisch: der höchste Punkt am Himmel)
Herkunft
arab. samt ar-ra's „Richtung des Kopfes“ – durch einen mittelalterlichen Abschreibfehler wurde aus „samt“ „zenit“
Beispiel
Mit dem dritten Titel in Folge stand die Mannschaft im Zenit ihres Erfolgs.
Schon gewusst?
Eines der wenigen Wörter, die durch einen Lesefehler entstanden: Ein Kopist verlas das arabische „m“ als „ni“. Auch „Ziffer“ und „Algebra“ sind arabische Erbstücke.
HöhepunktGipfelKulmination
die ZivilcourageMut, im Alltag für Werte und Schwächere einzustehen – auch gegen Widerstand und Mehrheit
Herkunft
lat. civilis „bürgerlich“ + frz. courage „Mut“; als Wort angeblich von Bismarck geprägt
Beispiel
Es brauchte die Zivilcourage einer einzigen Schülerin, um das Mobbing zu beenden.
Schon gewusst?
Bismarck soll geklagt haben, es fehle den Deutschen nicht an Mut auf dem Schlachtfeld, wohl aber an „Zivilcourage“ – Mut im bürgerlichen Alltag sei der seltenere.
BürgermutRückgratStandhaftigkeit

Fremdwort (60)

a posterioriim Nachhinein; aus der Erfahrung gewonnen
Herkunft
lat. „vom Späteren her“
Beispiel
A posteriori ist man immer klüger – entscheidend ist, was man vorher wissen konnte.
Schon gewusst?
Das Gegenstück zu „a priori“. Kant zufolge beginnt alle Erkenntnis mit der Erfahrung (a posteriori), aber nicht alle entspringt ihr – dieser eine Satz beschäftigt die Philosophie bis heute.
im Nachhineinerfahrungsbasiert
a priorivon vornherein; unabhängig von aller Erfahrung
Herkunft
lat. „vom Früheren her“
Beispiel
Man sollte den Vorschlag nicht a priori verwerfen, nur weil er von der Konkurrenz stammt.
Schon gewusst?
Kants Schlüsselbegriff: Erkenntnis a priori (vor aller Erfahrung, wie Mathematik) vs. a posteriori (aus Erfahrung). Im Alltag heißt es schlicht „von vornherein“.
von vornhereingrundsätzlichvorab
ad absurdum führendie Widersinnigkeit einer Behauptung aufzeigen, indem man sie konsequent zu Ende denkt
Herkunft
lat. „zum Widersinnigen (führen)“
Beispiel
Mit einem einzigen Gegenbeispiel führte sie die pauschale These ad absurdum.
Schon gewusst?
Die Mathematik nutzt das Prinzip als Beweisform: Die „reductio ad absurdum“ nimmt das Gegenteil an und leitet daraus einen Widerspruch ab – so bewies Euklid, dass es unendlich viele Primzahlen gibt.
widerlegenals unsinnig entlarven
ad hocaus dem Augenblick heraus, eigens für diesen Zweck, unvorbereitet
Herkunft
lat. „zu diesem (Zweck)“
Beispiel
Für die Panne wurde ad hoc eine Arbeitsgruppe gebildet.
Schon gewusst?
Wissenschaftler kennen die abwertende „Ad-hoc-Hypothese“: eine Hilfsannahme, die nur erfunden wird, um eine wankende Theorie zu retten.
spontanimprovisierteigens dafür
das Amalgaminnige Verschmelzung verschiedenartiger Dinge (chemisch: Quecksilberlegierung)
Herkunft
mittellat. amalgama, wohl über das Arabische aus griech. málagma „erweichende Masse“
Beispiel
Sein Stil ist ein Amalgam aus Berliner Schnauze und diplomatischer Schule.
Schon gewusst?
Alchemistenwort mit Karriere: Von der Zahnfüllung wanderte es in die Kultursprache – „amalgamieren“ heißt, Unvereinbares zu einer neuen Einheit zu verschmelzen.
VerschmelzungLegierungMischung
das AmbienteUmgebung, Atmosphäre, das umgebende Milieu
Herkunft
ital. ambiente, zu lat. ambire „umgehen, umgeben“
Beispiel
Das Restaurant lebt weniger von der Karte als vom Ambiente des alten Gewölbekellers.
Schon gewusst?
Dasselbe lateinische Verb steckt in „Ambition“ (das „Herumgehen“ der römischen Amtsbewerber zur Stimmenwerbung) – Karrierestreben und Wohlfühlatmosphäre sind Wortverwandte.
AtmosphäreUmfeldFlair
der Anachronismusetwas zeitlich falsch Eingeordnetes; eine nicht mehr in die Zeit passende Erscheinung
Herkunft
griech. aná „gegen“ + chrónos „Zeit“
Beispiel
Das Faxgerät im Amt wirkt wie ein Anachronismus – und ist doch vielerorts Vorschrift.
Schon gewusst?
Berühmter Filmfehler-Klassiker: die Armbanduhr am Gladiatoren-Handgelenk. In Shakespeares „Julius Caesar“ schlägt anachronistisch eine Turmuhr – 1400 Jahre zu früh.
ZeitwidrigkeitReliktÜberbleibsel
der Apologeteifriger Verteidiger einer Lehre oder Position (oft leicht kritisch gefärbt)
Herkunft
griech. apología „Verteidigungsrede“
Beispiel
Als unkritischer Apologet der Deregulierung übersah er deren Nebenwirkungen jahrelang.
Schon gewusst?
Die „Apologie des Sokrates“ – Platons Bericht der Verteidigungsrede vor Gericht – ist der Urtext des Genres. Heute schwingt im „Apologeten“ meist Vorwurf mit: Verteidigung ohne Distanz.
VerteidigerFürsprecherVerfechter
das Axiomnicht beweisbarer, als gültig gesetzter Grundsatz, auf dem alles Weitere aufbaut
Herkunft
griech. axíōma „Forderung, Grundsatz“, zu áxios „würdig“
Beispiel
Dass Menschen auf Anreize reagieren, gilt der Ökonomie als Axiom.
Schon gewusst?
Euklid baute die gesamte Geometrie auf fünf Axiomen auf. Der Kommunikationsforscher Watzlawick formulierte das berühmteste moderne: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“
GrundsatzPostulatSetzung
das Bonmotgeistreicher, treffender Ausspruch; witzige Sentenz
Herkunft
frz. bon mot „gutes Wort“
Beispiel
Er würzte seine Vorträge mit Bonmots, die noch in der Kaffeepause zitiert wurden.
Schon gewusst?
Gesprochen: [bõˈmoː]. Meister des Genres war Oscar Wilde („Ich kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht“). Ein einziges gutes Bonmot überlebt ganze Bücher.
geistreicher AusspruchAperçuPointe
die Chuzpeunverfrorene Dreistigkeit, der man einen gewissen Respekt nicht versagen kann
Herkunft
jiddisch chuzpe, aus hebräisch ḥuṣpā „Frechheit“
Beispiel
Mit bemerkenswerter Chuzpe verlangte er eine Gehaltserhöhung – am Tag nach dem verpatzten Projekt.
Schon gewusst?
Die klassische Definition: Chuzpe hat, wer seine Eltern ermordet und dann mildernde Umstände fordert, weil er Waise ist. Aus dem Jiddischen stammen auch „Schlamassel“, „Tacheles“ und „malochen“.
DreistigkeitUnverfrorenheitFrechheit
die Conditio sine qua nonunabdingbare Voraussetzung, ohne die etwas nicht sein kann
Herkunft
lat. „Bedingung, ohne die nicht“
Beispiel
Gegenseitiges Vertrauen ist die Conditio sine qua non jeder Verhandlung.
Schon gewusst?
Juristen prüfen Kausalität mit der Formel: Eine Handlung ist ursächlich, wenn sie nicht hinweggedacht werden kann, ohne dass der Erfolg entfiele – die „Conditio-sine-qua-non-Formel“.
Grundvoraussetzungunabdingbare Bedingung
Cui bono?Wem nützt es? – die Frage nach dem Interesse hinter einer Tat oder Behauptung
Herkunft
lat.; als Prüffrage römischer Richter von Cicero überliefert
Beispiel
Bevor Sie dem Gerücht glauben, fragen Sie sich: Cui bono – wer profitiert von seiner Verbreitung?
Schon gewusst?
Cicero zitierte den Richter Lucius Cassius, der in jedem Prozess fragte, wem die Tat genützt habe. Bis heute die erste Frage jeder Ermittlung – und jeder Quellenkritik.
Wem nützt es?
de factotatsächlich, den realen Verhältnissen nach (unabhängig von der offiziellen Regelung)
Herkunft
lat. „der Tat nach“
Beispiel
Offiziell beraten beide Gremien gleichberechtigt, de facto entscheidet der Hauptausschuss allein.
Schon gewusst?
Das Gegenstück „de jure“ (dem Recht nach) macht das Paar erst scharf: Manche Regierung herrscht de facto, ohne de jure anerkannt zu sein.
tatsächlichpraktischin Wirklichkeit
das Débâclekatastrophaler Zusammenbruch, blamables Scheitern
Herkunft
frz. débâcle „Eisaufbruch“ – das Bersten der Eisdecke im Frühjahr
Beispiel
Die Präsentation geriet zum Debakel: Der Beamer fiel aus, die Zahlen stimmten nicht, der Kunde ging.
Schon gewusst?
Zolas Roman „La Débâcle“ über den Zusammenbruch Frankreichs 1870/71 machte das Bild vom berstenden Eis politisch. Eingedeutscht: das Debakel.
ZusammenbruchFiaskoDesaster
das DilemmaZwangslage zwischen zwei gleichermaßen problematischen Möglichkeiten
Herkunft
griech. dílēmma „Doppelsatz“ (dís „zweifach“ + lêmma „Annahme“)
Beispiel
Das Dilemma der Führungskraft: Wer delegiert, verliert Kontrolle – wer alles selbst macht, verliert das Team.
Schon gewusst?
Das berühmteste ist das „Gefangenendilemma“ der Spieltheorie: Zwei Komplizen fahren einzeln besser, wenn sie gestehen – und gemeinsam schlechter. Grundmodell für Klimapolitik bis Preiskampf.
ZwickmühleZwangslageKlemme
en passantbeiläufig, im Vorbeigehen
Herkunft
frz. „im Vorübergehen“
Beispiel
En passant erwähnte sie, dass sie nebenbei noch ein Unternehmen gegründet hatte.
Schon gewusst?
Schachspieler kennen die Regel wörtlich: Beim „En-passant-Schlag“ nimmt ein Bauer den vorbeiziehenden gegnerischen Bauern. Gesprochen: [ãpaˈsãː].
beiläufignebenbeiim Vorbeigehen
der Epigoneunschöpferischer Nachahmer bedeutender Vorgänger
Herkunft
griech. epígonoi „die Nachgeborenen“ – die Söhne der Sieben gegen Theben
Beispiel
Nach dem Tod des Meisters produzierte seine Schule nur noch Epigonen ohne eigene Handschrift.
Schon gewusst?
Die „Epigonen“ waren im Mythos die Söhne gefallener Helden, die deren Krieg wiederholten. Karl Immermanns Roman „Die Epigonen“ (1836) machte das Wort zum Kulturbegriff.
NachahmerTrittbrettfahrerImitator
die Eskapademutwilliger Streich, abenteuerlicher Seitensprung vom rechten Weg
Herkunft
frz. escapade, zu ital. scappare „entwischen“
Beispiel
Die Eskapaden des Juniorchefs füllten die Klatschspalten der Lokalpresse.
Schon gewusst?
Ursprünglich ein Begriff der Reitkunst: der unerlaubte Sprung des Pferdes zur Seite. Das Bild vom ausbrechenden Tier adelt bis heute jeden Regelverstoß mit einem Hauch Eleganz.
StreichKaprioleAusschweifung
das Exempelwarnendes oder lehrreiches Beispiel
Herkunft
lat. exemplum „Beispiel, Muster“
Beispiel
Die Behörde wollte ein Exempel statuieren und verhängte die Höchststrafe.
Schon gewusst?
„Ein Exempel statuieren“ heißt wörtlich: ein Beispiel aufstellen (statuere). Die „Probe aufs Exempel“ stammt aus der Rechenkunst: die Kontrollrechnung zur Aufgabe.
BeispielLehrstückWarnung
das Faksimileoriginalgetreue Nachbildung einer Vorlage (Handschrift, Druck, Kunstwerk)
Herkunft
lat. fac simile „mache es ähnlich!“
Beispiel
Die Bibliothek zeigt ein Faksimile der Gutenberg-Bibel – das Original lagert im Tresor.
Schon gewusst?
Wie „Faktotum“ ein versteinerter Befehl. Das Faxgerät hieß ursprünglich „Telefaksimile“ – die Fernkopie trug den lateinischen Imperativ bis ins Digitalzeitalter.
Nachbildungoriginalgetreue Kopie
das Faktotumjemand, der alles erledigt; Mädchen für alles (oft liebevoll-ironisch)
Herkunft
lat. fac totum „mach alles!“
Beispiel
Der Hausmeister war das Faktotum der Schule – Elektriker, Seelsorger und Chronist in einer Person.
Schon gewusst?
Eines der wenigen Wörter, die ein kompletter Imperativsatz sind: „Mach alles!“ Ähnlich gebaut: das „Vademecum“ („geh mit mir“ – ein Handbüchlein).
AllrounderMädchen für allesgute Seele
der Fauxpasgesellschaftlicher Fehltritt, Taktlosigkeit aus Unachtsamkeit
Herkunft
frz. faux pas „falscher Schritt“
Beispiel
Die Gastgeberin überspielte den Fauxpas des Redners mit einem charmanten Scherz.
Schon gewusst?
Ursprünglich ein Begriff aus der höfischen Tanzsprache: der buchstäblich falsche Schritt im Menuett. Gesprochen: [foˈpa] – das „x“ und „s“ bleiben stumm.
FehltrittTaktlosigkeitSchnitzer
der HedonismusLebenshaltung, die Lust und Genuss zum höchsten Gut erklärt
Herkunft
griech. hēdonḗ „Lust, Vergnügen“
Beispiel
Zwischen Askese und Hedonismus suchte er sein Maß – und fand es im sonntäglichen Festessen.
Schon gewusst?
Der antike Hedonismus (Epikur) war erstaunlich bescheiden: Höchste Lust sei die Abwesenheit von Schmerz und Unruhe – Brot, Wasser, Freundschaft. Vom Partybegriff weit entfernt.
GenusslehreLustprinzip
in medias resmitten in die Dinge hinein – ohne Umschweife zur Sache kommen
Herkunft
lat., aus der „Ars poetica“ des Horaz
Beispiel
Sie verzichtete auf Vorreden und ging in medias res: „Wir verlieren jeden Monat Kunden. Hier sind drei Auswege.“
Schon gewusst?
Horaz lobte Homer, weil die Ilias nicht bei Ledas Ei beginnt, sondern mitten im Trojanischen Krieg. Bis heute Erzähltechnik Nummer eins in Film und Roman – und ein starker Redeeinstieg.
direkt zur Sacheohne Umschweife
das Intermezzokurzes Zwischenspiel; unbedeutende Episode
Herkunft
ital. intermezzo, zu lat. intermedius „dazwischenliegend“
Beispiel
Sein Ausflug in die Politik blieb ein Intermezzo von achtzehn Monaten.
Schon gewusst?
In der Oper war das Intermezzo die heitere Einlage zwischen den Akten der ernsten Handlung – aus einem solchen Zwischenspiel entstand mit Pergolesis „La serva padrona“ eine ganze Gattung: die komische Oper.
ZwischenspielEpisodeGastspiel
die KakophonieMissklang; unangenehmes Durcheinander von Tönen oder Stimmen
Herkunft
griech. kakós „schlecht“ + phōnḗ „Klang“
Beispiel
Aus dem Sitzungssaal drang eine Kakophonie aus Zwischenrufen und Tischklopfen.
Schon gewusst?
Das Gegenteil ist die „Euphonie“, der Wohlklang. Politikjournalisten lieben die Metapher: die „Kakophonie der Koalition“, wenn jeder etwas anderes verkündet.
MissklangDissonanzLärm
das Kalkülnüchterne, auf den eigenen Vorteil zielende Berechnung
Herkunft
lat. calculus „Rechenstein(chen)“ – Römer rechneten mit Kieseln
Beispiel
Hinter der großzügigen Spende steckte politisches Kalkül.
Schon gewusst?
Der „Calculus“ war ein Kieselstein auf dem Rechenbrett – daher auch „kalkulieren“. Mediziner nennen Nieren- und Gallensteine bis heute „Kalkuli“: dieselben Steinchen, anderer Ort.
BerechnungStrategieHintergedanke
die Kaprioleübermütiger Luftsprung; unberechenbare Laune oder Wendung
Herkunft
ital. capriola „Bocksprung“, zu capra „Ziege“
Beispiel
Die Kapriolen des Aprilwetters machten jede Ausflugsplanung zunichte.
Schon gewusst?
In der Hohen Schule der Reitkunst ist die Kapriole die Königsübung: Das Pferd springt und schlägt in der Luft aus. Wörtlich macht es dabei einen „Ziegensprung“.
LuftsprungLauneEskapade
die Katharsisseelische Reinigung durch das Durchleben starker Gefühle
Herkunft
griech. kátharsis „Reinigung“
Beispiel
Das Aufschreiben der Ereignisse war für sie eine Katharsis – danach konnte sie abschließen.
Schon gewusst?
Aristoteles' Tragödientheorie: Der Zuschauer durchlebt „Jammer und Schaudern“ (éleos und phóbos) und geht gereinigt heim. Warum Trauerfilme guttun, erklärte er vor 2300 Jahren.
ReinigungLäuterungseelische Befreiung
das Klischeeabgegriffene, schablonenhafte Vorstellung oder Wendung
Herkunft
frz. cliché – der Druckstock zum massenhaften Vervielfältigen; lautmalerisch nach dem Klatschen der Gussform
Beispiel
Der Film bedient jedes Klischee des Genres – und ist gerade deshalb ein Kassenerfolg.
Schon gewusst?
Ursprünglich Druckersprache: Das Cliché war die Metallplatte, mit der man Bilder endlos reproduzierte. Perfekte Metapher für Gedanken aus der Konserve.
SchabloneStereotypGemeinplatz
das KonterfeiBildnis, Porträt (heute meist scherzhaft-altertümlich)
Herkunft
frz. contrefait „nachgemacht“, zu lat. contrafacere
Beispiel
Sein Konterfei prangte plötzlich auf allen Wahlplakaten des Landkreises.
Schon gewusst?
Ein Beispiel für „eingedeutschte“ Schreibung: Aus dem französischen contrefait wurde lautgetreu das Konterfei – wie aus „chaussée“ die Chaussee und aus „bureau“ das Büro.
BildnisPorträtAbbild
der KosmopolitWeltbürger; jemand, der sich überall zu Hause fühlt
Herkunft
griech. kósmos „Welt“ + polítēs „Bürger“
Beispiel
Als echter Kosmopolit bestellte er in sieben Sprachen Kaffee – und verstand in acht die Rechnung.
Schon gewusst?
Als Diogenes gefragt wurde, woher er stamme, antwortete er: „Ich bin ein Kosmopolit“ – Weltbürger. Eine der ältesten überlieferten Pointen der Philosophiegeschichte.
WeltbürgerWeltenbummler
das Kuriosummerkwürdige, erheiternde Seltsamkeit
Herkunft
lat. curiosus „neugierig, sorgfältig“
Beispiel
Ein Kuriosum am Rande: Der Vertrag regelt auch die Teepause – auf zwei Seiten.
Schon gewusst?
Die barocken „Kuriositätenkabinette“ – Sammlungen von Naturwundern und Absonderlichkeiten – waren die Vorläufer unserer Museen. Neugier (Kuriosität) war ihr Programm.
MerkwürdigkeitSeltsamkeitSkurrilität
der Mäzenvermögender Förderer von Kunst, Kultur oder Wissenschaft
Herkunft
nach Gaius Maecenas, dem Freund des Kaisers Augustus und Förderer von Horaz und Vergil
Beispiel
Ohne den Mäzen aus der Industriellenfamilie gäbe es den Konzertsaal nicht.
Schon gewusst?
Maecenas ist einer der wenigen Menschen, deren Name in Dutzenden Sprachen zum Gattungsbegriff wurde – wie Boykott (Captain Boycott) oder Zeppelin.
FördererGönnerSponsor
das MementoMahnung, Erinnerungszeichen
Herkunft
lat. memento „gedenke!“ – Imperativ von meminisse
Beispiel
Die Ruine blieb als Memento mitten im Neubauviertel stehen.
Schon gewusst?
„Memento mori“ – gedenke des Todes – flüsterte angeblich ein Sklave dem triumphierenden römischen Feldherrn zu. Barocke Stillleben verstecken das Memento als Totenschädel zwischen Blumen.
MahnungDenkzeichenErinnerung
die MetamorphoseVerwandlung, tiefgreifende Umgestaltung
Herkunft
griech. metamórphōsis „Umgestaltung“
Beispiel
Die Metamorphose des verschlafenen Viertels zum Szenequartier dauerte kein Jahrzehnt.
Schon gewusst?
Ovids „Metamorphosen“ erzählen 250 Verwandlungssagen – Steinbruch der europäischen Kunst. Kafkas „Verwandlung“ heißt englisch „The Metamorphosis“: Gregor Samsa als moderner Ovid.
VerwandlungWandlungUmgestaltung
nolens volenswohl oder übel, ob man will oder nicht
Herkunft
lat. „nicht wollend (und doch) wollend“
Beispiel
Nach dem Ausfall des Kollegen musste er nolens volens auch dessen Projekte übernehmen.
Schon gewusst?
Ein elegantes Zwillingswort wie „velis nolis“ im Spätlatein oder das englische „willy-nilly“, das exakt dieselbe Konstruktion volkstümlich abbildet.
wohl oder übelzwangsläufiggezwungenermaßen
das Novumetwas noch nie Dagewesenes, absolute Neuheit
Herkunft
lat. novum „das Neue“
Beispiel
Eine Ministerin, die per Videobotschaft zurücktritt – das war ein Novum in der Landespolitik.
Schon gewusst?
Plural: Nova, wie die aufleuchtenden „neuen Sterne“ der Astronomie. Juristen kennen „Noven“: neue Tatsachen, die erst in der Berufung vorgebracht werden.
NeuheitPremiereErstmaliges
die OchlokratieHerrschaft des Pöbels; entartete Form der Demokratie, in der die aufgewiegelte Masse regiert
Herkunft
griech. óchlos „Masse, Pöbel“ + kratein „herrschen“
Beispiel
Polybios warnte: Ohne Institutionen degeneriere die Demokratie zur Ochlokratie.
Schon gewusst?
Teil des antiken Verfassungskreislaufs von Polybios: Monarchie → Tyrannis, Aristokratie → Oligarchie, Demokratie → Ochlokratie. Seltenes Wort, verlässlicher Bildungsbeweis.
PöbelherrschaftMassenherrschaft
die Odysseelange Irrfahrt voller Hindernisse und Umwege
Herkunft
nach Homers Epos über die zehnjährige Heimfahrt des Odysseus
Beispiel
Die Anerkennung ihres Abschlusses wurde zur Odyssee durch fünf Behörden.
Schon gewusst?
Vom Buchtitel zum Gattungswort: Ebenso erging es dem „Mentor“ (Odysseus' Freund und Erzieher Telemachs) und der „Muse“. Homer ist der produktivste Wortlieferant der Antike.
IrrfahrtLeidenswegHindernislauf
das Palaverendloses, ergebnisloses Gerede
Herkunft
portug. palavra „Wort, Rede“, zu lat. parabola – über die Verhandlungen portugiesischer Händler in Westafrika ins Deutsche gelangt
Beispiel
Nach zwei Stunden Palaver war der Tagesordnungspunkt eins noch immer nicht beschlossen.
Schon gewusst?
Ursprünglich neutral: die förmliche Ratsversammlung westafrikanischer Gemeinschaften, von europäischen Seefahrern „palavra“ genannt. Der abschätzige Ton kam erst später dazu.
GeredeGeschwätzDebattiererei
das Panoptikumbunte Schausammlung von Merkwürdigkeiten; kurioses Sammelsurium
Herkunft
griech. pan „alles“ + optikós „zum Sehen gehörig“
Beispiel
Die Talkrunde geriet zum Panoptikum der Eitelkeiten.
Schon gewusst?
Jeremy Benthams „Panopticon“ war ein Gefängnisentwurf, in dem ein einziger Wärter alle sieht – Michel Foucault machte es zur Metapher der Überwachungsgesellschaft.
KuriositätenschauSammelsurium
per sean sich, aus sich selbst heraus, von Natur aus
Herkunft
lat. „durch sich“
Beispiel
Technologie ist per se weder gut noch böse – es kommt auf ihren Gebrauch an.
Schon gewusst?
Philosophisches Erbe: Scholastiker unterschieden, was „per se“ (aus sich) und was „per accidens“ (durch Zufälliges) gilt. Heute ein elegantes Alltagsadverb.
an sichgrundsätzlichals solches
das Perpetuum mobileunmögliche Maschine, die ewig ohne Energiezufuhr läuft; Sinnbild des Unerreichbaren
Herkunft
lat. „das sich ewig Bewegende“
Beispiel
Ein Steuersystem, das sich selbst finanziert? Das wäre das Perpetuum mobile der Finanzpolitik.
Schon gewusst?
Die Pariser Akademie der Wissenschaften nahm schon 1775 keine Perpetuum-mobile-Entwürfe mehr an – der Erste und Zweite Hauptsatz der Thermodynamik machen es prinzipiell unmöglich.
Ding der Unmöglichkeit
das PlazetZustimmung, Einwilligung einer maßgeblichen Stelle
Herkunft
lat. placet „es gefällt“
Beispiel
Ohne das Plazet des Aufsichtsrats darf der Vertrag nicht unterzeichnet werden.
Schon gewusst?
In alten Universitäten stimmte man mit „placet“ (dafür) oder „non placet“ (dagegen) ab. Das Kirchenrecht kannte das landesherrliche „Plazet“ für päpstliche Erlasse.
ZustimmungEinwilligungSegen
pro formanur der Form halber, zum Schein
Herkunft
lat. „der Form wegen“
Beispiel
Die Anhörung fand pro forma statt – die Entscheidung war längst gefallen.
Schon gewusst?
Kaufleute kennen die „Pro-forma-Rechnung“: ein Beleg ohne Zahlungsaufforderung, etwa für den Zoll. Das Wort verrät stets: Substanz und Fassade fallen auseinander.
formhalberzum Scheinder Ordnung halber
das Prozederefestgelegter Verfahrensablauf, die Art des Vorgehens
Herkunft
lat. procedere „vorwärtsschreiten“
Beispiel
Das Prozedere der Antragstellung umfasst drei Instanzen und dauert erfahrungsgemäß Monate.
Schon gewusst?
Häufiger Schreibfehler: „Procedere“ und „Prozedere“ sind beide zulässig, aber die eingedeutschte Form mit z gilt heute als Standard. Ironisch verwendet spöttelt das Wort über Bürokratie.
VerfahrenAblaufVorgehensweise
die Quintessenzdas Wesentliche, der Kern einer Sache; das Endergebnis eines Gedankengangs
Herkunft
lat. quinta essentia „fünftes Wesen“ – bei Aristoteles der Äther als fünftes Element neben Feuer, Wasser, Luft und Erde
Beispiel
Die Quintessenz der Studie lautet: Nicht die Menge der Meetings entscheidet, sondern ihre Vorbereitung.
Schon gewusst?
Die Alchemisten versuchten, die „Quintessenz“ aus Stoffen zu destillieren – ihr feinstes Wesen. Wer heute die Quintessenz zieht, destilliert Gedanken.
KernFazitEssenz
die RäsonVernunft, Einsicht (heute fast nur in Wendungen wie „zur Räson bringen“)
Herkunft
frz. raison „Vernunft“, zu lat. ratio
Beispiel
Erst der drohende Lieferstopp brachte den Geschäftspartner zur Räson.
Schon gewusst?
Die „Staatsräson“ – das Staatsinteresse über allem – prägte Machiavellis Denken. Gesprochen: [rɛˈzõː]. Wer „Räson annimmt“, lässt mit sich reden.
VernunftEinsicht
die RatioVernunft, kühl abwägender Verstand
Herkunft
lat. ratio „Rechnung, Vernunft“
Beispiel
Am Ende siegte die Ratio über die Nostalgie: Das alte Stammhaus wurde verkauft.
Schon gewusst?
Von ratio stammen „rational“, „Rationalität“, aber auch die „Ration“ (das Zugerechnete) und das „Rationalisieren“. Die Verhaltensökonomie zeigt freilich: Der Mensch ist bestenfalls „begrenzt rational“.
VernunftVerstandKalkül
der SophistWortverdreher, der mit Scheinargumenten blendet; (antik:) berufsmäßiger Weisheitslehrer
Herkunft
griech. sophistḗs „Weisheitslehrer“, zu sophía „Weisheit“
Beispiel
Er argumentierte wie ein Sophist: glänzend in der Form, hohl in der Sache.
Schon gewusst?
Die Sophisten waren die ersten bezahlten Rhetoriklehrer der Geschichte. Platons Polemik gegen sie prägt das Wort bis heute negativ – dabei erfanden sie den Rhetorikunterricht, von dem auch dieser Trainer abstammt.
WortverdreherHaarspalterRabulist
der Status quoder gegenwärtige Zustand, die bestehende Lage
Herkunft
lat. status quo (ante) „der Zustand, in dem (es vorher war)“
Beispiel
Die Verhandlung endete ergebnislos – beide Seiten beharrten auf dem Status quo.
Schon gewusst?
Diplomatensprache: Der „Status quo ante bellum“ ist die Rückkehr zur Vorkriegslage. Die Rockband Status Quo wählte den Namen übrigens als Ironie – sie spielte 50 Jahre denselben Boogie.
Ist-Zustandbestehende Lage
sui generiseinzigartig, eine Klasse für sich, mit nichts vergleichbar
Herkunft
lat. „eigener Gattung“
Beispiel
Die Europäische Union ist ein Gebilde sui generis – weder Staatenbund noch Bundesstaat.
Schon gewusst?
Juristen- und Diplomatenlatein erster Güte: Was sich in keine Kategorie fügt, wird zur eigenen erklärt. Eine elegante Kapitulation der Systematik vor der Wirklichkeit.
einzigartigeigener Artunvergleichlich
der Syllogismuslogischer Schluss aus zwei Prämissen auf eine Konklusion
Herkunft
griech. syllogismós „das Zusammenrechnen“
Beispiel
Sein Argument war ein sauberer Syllogismus – nur leider war die zweite Prämisse falsch.
Schon gewusst?
Aristoteles systematisierte den Syllogismus und begründete damit die formale Logik. Fehlschlüsse tragen bis heute lateinische Namen wie „quaternio terminorum“ – gute Debattierer kennen sie alle.
Vernunftschlusslogischer Schluss
die Ultima Ratiodas letzte Mittel, wenn alle anderen ausgeschöpft sind
Herkunft
lat. „letzter Beweggrund, letztes Mittel“
Beispiel
Die Kündigung blieb Ultima Ratio – zuvor wurden Versetzung und Mediation erwogen.
Schon gewusst?
Ludwig XIV. ließ auf seine Kanonen „Ultima Ratio Regum“ gießen – „das letzte Argument der Könige“. Preußens Friedrich der Große übernahm die zynische Gravur.
letztes Mitteläußerster Ausweg
das Ultimatumletzte Aufforderung mit Frist, deren Ablehnung Konsequenzen androht
Herkunft
lat. ultimus „der Letzte, Äußerste“
Beispiel
Der Betriebsrat stellte ein Ultimatum: Rücknahme der Kündigungen bis Freitag, sonst Urabstimmung.
Schon gewusst?
Diplomatiegeschichte: Das österreichische Ultimatum an Serbien 1914 gilt als bewusst unerfüllbar formuliert – ein Lehrstück, wie Sprache Kriege auslösen kann.
letzte FristEndaufforderung
die UtopieIdealbild einer Gesellschaft, das (noch) nicht verwirklichbar ist; kühner Zukunftsentwurf
Herkunft
griech. ou „nicht“ + tópos „Ort“ – der „Nicht-Ort“; geprägt von Thomas Morus (1516)
Beispiel
Was gestern Utopie war – jedem Menschen das Weltwissen in der Hosentasche –, ist heute Alltag.
Schon gewusst?
Morus' Wortspiel ist doppelt: „Utopia“ klingt wie „Eutopia“ (guter Ort). Das Gegenstück, die „Dystopie“, dominiert heute Literatur und Film – von „1984“ bis „Black Mirror“.
IdealbildZukunftstraumWunschbild
vice versaumgekehrt genauso, im umgekehrten Verhältnis
Herkunft
lat. „im umgewendeten Wechsel“
Beispiel
Was er ihr vorwarf, galt vice versa auch für ihn.
Schon gewusst?
Eleganter als „andersherum genauso“ und kürzer als jede Umschreibung – ein Beispiel dafür, dass Fremdwörter manchmal die sparsamere Lösung sind.
umgekehrt ebensowechselseitig
der Zeitgeistdas für eine Epoche typische Denken und Fühlen
Herkunft
deutsche Prägung des 18. Jh. (Herder); als „zeitgeist“ ins Englische entlehnt
Beispiel
Das Buch traf den Zeitgeist so genau, dass es binnen Wochen zum Schlagwort wurde.
Schon gewusst?
Eine der erfolgreichsten deutschen Wort-Exporte: Engländer und Amerikaner sagen „zeitgeist“, ohne zu übersetzen – wie „kindergarten“, „wanderlust“ und „schadenfreude“.
EpochengefühlStrömung der Zeit

Rhetorik & Stil (42)

die Allegoriedurchgeführtes Sinnbild: Ein abstrakter Begriff wird als konkrete Szene oder Gestalt erzählt
Herkunft
griech. allēgoreîn „anders sagen“
Beispiel
Der Sensenmann für den Tod, Fortuna mit dem Rad für das Glück, Platons Höhlengleichnis für die Erkenntnis.
Schon gewusst?
Die Allegorie ist die „ausgebaute Metapher“: Aus einem Bild wird eine ganze Geschichte. Orwells „Animal Farm“ ist eine buchlange Allegorie auf die Sowjetunion.
SinnbildGleichnis
die Alliterationgleicher Anlaut aufeinanderfolgender Wörter
Herkunft
lat. ad „zu“ + littera „Buchstabe“
Beispiel
„Milch macht müde Männer munter“ – vier M in Folge, unvergesslich seit 1954.
Schon gewusst?
Werbung und Boulevard leben davon: „Bild, Bams und Glotze“. Auch Markennamen nutzen den Effekt – Coca-Cola, PayPal, Kitkat. Der gleiche Anlaut wirkt wie ein akustischer Klettverschluss fürs Gedächtnis.
Stabreim
das AnakoluthSatzbruch: Ein begonnener Satz wird anders fortgeführt, als die Grammatik verlangt
Herkunft
griech. anakólouthon „ohne Zusammenhang folgend“
Beispiel
„Ich wollte nur sagen – ach, vergiss es einfach.“
Schon gewusst?
In geschriebener Sprache ein Fehler, in gesprochener ein Echtheitssignal: Dramatiker setzen das Anakoluth gezielt ein, um Erregung oder Überforderung zu zeigen. Alltagsgespräche bestehen zu großen Teilen daraus.
Satzbruch
die AnapherWiederholung desselben Wortes am Anfang aufeinanderfolgender Sätze oder Verse
Herkunft
griech. anaphorá „das Zurücktragen“
Beispiel
„Ich habe einen Traum … Ich habe einen Traum … “ – Martin Luther Kings Rede lebt von dieser Wiederkehr.
Schon gewusst?
Die Anapher ist das wirkungsvollste Stilmittel öffentlicher Rede: Sie erzeugt Rhythmus, Erwartung und Steigerung. Wer eine wichtige Rede hält, sollte genau eine Anapher einbauen – mehr wirkt gewollt.
Anfangswiederholung
die Antithesepointierte Gegenüberstellung entgegengesetzter Begriffe oder Gedanken
Herkunft
griech. antíthesis „Gegen-Setzung“
Beispiel
„Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“
Schon gewusst?
Kennedys „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst“ ist Antithese plus Chiasmus: die Doppelwucht macht den Satz unsterblich.
GegenüberstellungKontrast
der Aphorismusgeistreicher, verdichteter Einzelgedanke in Prosa
Herkunft
griech. aphorismós „Abgrenzung, Definition“
Beispiel
„Es ist leichter, die Menschen zu täuschen, als sie davon zu überzeugen, dass sie getäuscht worden sind.“
Schon gewusst?
Hippokrates' medizinische „Aphorismen“ begründeten die Gattung – ihr erster ist selbst berühmt: „Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang.“ Meister im Deutschen: Lichtenberg, Nietzsche, Kraus.
GedankensplitterSinnspruch
die Aposiopesebewusster Satzabbruch – das Entscheidende bleibt unausgesprochen
Herkunft
griech. aposiōpáein „verstummen“
Beispiel
„Wenn ich dich noch einmal dabei erwische, dann …!“
Schon gewusst?
Die Drohung ohne Ende ist bedrohlicher als jede ausformulierte – die Fantasie des Hörers vollendet den Satz schlimmer, als es Worte könnten. Auch Verlegenheit spricht in Aposiopesen.
SatzabbruchVerstummen
der Archaismusbewusst altertümlicher Ausdruck
Herkunft
griech. archaîos „alt, altertümlich“
Beispiel
„Gemach!“, „dereinst“, „Wams“, „gülden“ – Wörter mit Patina.
Schon gewusst?
Das Gegenteil des Neologismus. Fantasy-Literatur und historische Romane dosieren Archaismen als Zeitkolorit; in Reden erzeugen sie Feierlichkeit oder – falsch dosiert – unfreiwillige Komik.
Altertümelei
die Assonanzvokalischer Gleichklang im Wortinneren
Herkunft
lat. assonare „anklingen“
Beispiel
„Ottos Mops trotzt“ – Ernst Jandls Gedicht lebt von einem einzigen Vokal.
Schon gewusst?
Rap und Songtexte nutzen Assonanzen häufiger als reine Reime – der halbe Gleichklang wirkt lässiger. Auch Werbeslogans klingen durch Assonanz „rund“, ohne dass man merkt, warum.
Vokal-Gleichklang
das AsyndetonReihung ohne Bindewörter
Herkunft
griech. asýndeton „unverbunden“
Beispiel
„Alles rennet, rettet, flüchtet.“ (Schiller, Das Lied von der Glocke)
Schon gewusst?
Das Gegenstück, Polysyndeton, setzt betont viele Bindewörter („und es wallet und siedet und brauset und zischt“ – ebenfalls Schiller). Ohne „und“ entsteht Hektik, mit vielen „und“ epische Wucht.
unverbundene Reihung
die Captatio benevolentiaedas Werben um das Wohlwollen des Publikums zu Beginn einer Rede
Herkunft
lat. „das Einfangen des Wohlwollens“
Beispiel
„Ich weiß, ich stehe zwischen Ihnen und der Kaffeepause – ich fasse mich kurz.“
Schon gewusst?
Fester Baustein der antiken Redelehre: Bevor man überzeugt, muss man gemocht werden. Selbstironie ist ihre modernste Form – Vorsicht nur vor übertriebener Bescheidenheitsfloskel, sie nutzt sich ab.
PublikumswerbungEisbrecher
der Chiasmuskreuzweise Stellung einander entsprechender Satzglieder (A–B / B–A)
Herkunft
nach dem griechischen Buchstaben Chi (X), der die Überkreuzung abbildet
Beispiel
„Wir leben nicht, um zu essen – wir essen, um zu leben.“
Schon gewusst?
Der Chiasmus verleiht Sätzen die Aura zeitloser Weisheit, weil die Umkehrung wie ein logischer Beweis klingt – auch wenn sie keiner ist. Ein Lieblingswerkzeug von Aphoristikern.
Kreuzstellung
die CorrectioSelbstkorrektur zur Steigerung: Ein Ausdruck wird durch einen treffenderen ersetzt
Herkunft
lat. corrigere „verbessern“
Beispiel
„Das war ein Fehler – nein, ein Skandal.“
Schon gewusst?
Die Correctio täuscht Spontaneität vor: Der Redner scheint um das treffende Wort zu ringen und landet „zufällig“ beim stärksten. Ein Werkzeug, das Reden lebendig und ehrlich wirken lässt.
Selbstverbesserung
die EllipseAuslassung von Satzteilen, die sich aus dem Zusammenhang ergeben
Herkunft
griech. élleipsis „Auslassung, Mangel“
Beispiel
„Ende gut, alles gut.“ – kein Verb weit und breit, und doch versteht jeder alles.
Schon gewusst?
Die Ellipse ist das Stilmittel der Moderne: Schlagzeilen, SMS, Werbetexte. Sie erzeugt Tempo und Lässigkeit. Cäsars „Veni, vidi, vici“ verzichtet auf jedes „und“ – Ellipse trifft Trikolon.
Auslassung
das Ethos, Pathos, Logosdie drei Überzeugungsmittel: Glaubwürdigkeit des Redners, Gefühl des Publikums, Logik der Sache
Herkunft
griech.; systematisiert in der „Rhetorik“ des Aristoteles
Beispiel
Eine gute Rede belegt (Logos), berührt (Pathos) – und man glaubt sie, weil man dem Redner traut (Ethos).
Schon gewusst?
Das älteste Modell der Überzeugungskunst und immer noch das beste Analysewerkzeug: Prüfen Sie jede Werbung, jede Wahlkampfrede – sie bedient stets mindestens eines der drei.
Überzeugungstrias
der Euphemismusbeschönigende Umschreibung eines unangenehmen Sachverhalts
Herkunft
griech. euphēmeîn „Worte von guter Vorbedeutung gebrauchen“
Beispiel
„Freisetzung von Personal“ statt „Entlassung“, „preiswert“ statt „billig“.
Schon gewusst?
Sprachkritiker beobachten die „Euphemismus-Tretmühle“: Beschönigungen nutzen sich ab und müssen ersetzt werden. Wer Euphemismen erkennt, liest Pressemitteilungen mit anderen Augen.
BeschönigungHüllwort
das Hendiadyoinein Begriff, ausgedrückt durch zwei gleichgeordnete Wörter
Herkunft
griech. hen dia dyoin „eins durch zwei“
Beispiel
„Mit Ach und Krach“, „Feuer und Flamme“, „Art und Weise“, „Grund und Boden“.
Schon gewusst?
Die Rechtssprache ist voll davon („null und nichtig“, „Treu und Glauben“) – ein Erbe der Zeit, als deutsche und lateinische Begriffe paarweise genannt wurden, damit jeder sie verstand.
Zwillingsformel
die Hyperbelstarke, bewusst unrealistische Übertreibung
Herkunft
griech. hyperbolḗ „Überwurf, Übertreibung“
Beispiel
„Ich habe dir das schon tausendmal gesagt!“
Schon gewusst?
Die Alltagssprache ist voller erstarrter Hyperbeln: „todmüde“, „ein Meer von Tränen“, „blitzschnell“. In der Rhetorik dosiert eingesetzt, erzeugt sie Humor – im Übermaß Unglaubwürdigkeit.
Übertreibung
in nucein Kürze, auf den Kern gebracht, im Kleinformat
Herkunft
lat. „in der Nuss“
Beispiel
Das Vorwort enthält die Thesen des Buches in nuce.
Schon gewusst?
Plinius berichtet von einer Ilias-Abschrift, die so klein war, dass sie in eine Nussschale passte – daher das Bild. Shakespeare ließ Hamlet sagen, er könnte „in eine Nussschale gebannt“ sich als König unendlicher Weiten fühlen.
im Kernin Kurzform
die InversionUmstellung der üblichen Wortfolge zur Hervorhebung
Herkunft
lat. inversio „Umkehrung“
Beispiel
„Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.“ – „Groß war der Jubel.“
Schon gewusst?
Was am Satzanfang steht, trägt den Nachdruck. Meister Yoda aus „Star Wars“ spricht fast nur in Inversionen („Viel zu lernen du noch hast“) – sie machen seine Sprache alt und weise.
Umstellung
die IronieAusdruck des Gegenteils dessen, was gemeint ist – erkennbar am Kontext oder Ton
Herkunft
griech. eirōneía „Verstellung“
Beispiel
„Na, das hast du ja mal wieder großartig hinbekommen“, sagte sie mit Blick auf die Scherben.
Schon gewusst?
Sokrates machte die Ironie zur Methode: Er stellte sich unwissend, um Gesprächspartner zur Selbsterkenntnis zu führen („sokratische Ironie“). Vorsicht schriftlich – ohne Tonfall wird Ironie oft wörtlich genommen.
verdeckter Spott
die Klimaxstufenweise Steigerung vom Schwächeren zum Stärkeren
Herkunft
griech. klîmax „Leiter, Treppe“
Beispiel
„Er kam, sah und siegte.“ – vom bloßen Ankommen zum Triumph in drei Stufen.
Schon gewusst?
Das Gegenteil heißt Antiklimax – der komische Absturz: „Er verlor sein Königreich, seine Ehre und seinen Regenschirm.“ Comedy-Autoren bauen darauf ganze Pointen.
Steigerung
die LitotesBejahung durch doppelte Verneinung oder Untertreibung
Herkunft
griech. litótēs „Schlichtheit, Sparsamkeit“
Beispiel
„Das ist nicht übel“ – höchstes Lob im Gewand der Untertreibung.
Schon gewusst?
Norddeutsche Alltagsrhetorik in Reinform: „Da nich für“ und „nicht schlecht, Herr Specht“. Die Litotes wirkt bescheiden und souverän zugleich – Understatement ist ihre moderne Schwester.
Untertreibungdoppelte Verneinung
die Metapherbildhafte Übertragung: Ein Wort steht für etwas, dem es nur sinnbildlich ähnelt
Herkunft
griech. metaphérein „übertragen“
Beispiel
„Das Feuer der Begeisterung“, „ein Ozean der Möglichkeiten“, „die Wüste der Bürokratie“.
Schon gewusst?
Die Kognitionsforschung (Lakoff/Johnson: „Metaphors We Live By“) zeigt: Wir denken in Metaphern – Zeit „vergeht“, Preise „steigen“, Argumente werden „untermauert“. Wer Metaphern setzt, lenkt das Denken.
SprachbildÜbertragung
die MetonymieErsetzung eines Wortes durch ein sachlich eng verwandtes (Gefäß für Inhalt, Ort für Institution)
Herkunft
griech. metōnymía „Umbenennung“
Beispiel
„Berlin schweigt zu den Vorwürfen“ – gemeint ist die Bundesregierung, nicht die Stadt.
Schon gewusst?
Der Unterschied zur Metapher: Die Metonymie beruht auf realer Nachbarschaft (ein Glas trinken, Goethe lesen), die Metapher auf Ähnlichkeit. Nachrichtensprache ist ohne Metonymie undenkbar.
Umbenennung
der NeologismusWortneuschöpfung
Herkunft
griech. néos „neu“ + lógos „Wort“
Beispiel
„Verschlimmbessern“, „Denglisch“, „Doomscrolling“ – jedes Jahr adelt die Wörterbuchredaktion neue Kandidaten.
Schon gewusst?
Shakespeare gilt als produktivster Neologist der Literaturgeschichte – Hunderte englische Wörter erscheinen zuerst bei ihm. Goethe erfand unter anderem das „Weltliteratur“.
Wortneuschöpfung
die OnomatopoesieLautmalerei: Wörter, die klingen wie das, was sie bezeichnen
Herkunft
griech. onomatopoiía „Namenschöpfung“
Beispiel
Es zischt, knallt, plätschert, summt und kracht.
Schon gewusst?
Comics haben die Lautmalerei zur Kunstform erhoben („Zack!“, „Wumm!“). Sprachvergleiche amüsieren: Der deutsche Hahn kräht „kikeriki“, der englische „cock-a-doodle-doo“, der französische „cocorico“.
LautmalereiKlangnachahmung
das OxymoronVerbindung zweier sich widersprechender Begriffe zu einem Ausdruck
Herkunft
griech. oxýs „scharf(sinnig)“ + mōrós „dumm“ – das Wort ist selbst ein Oxymoron: „scharfsinnig-dumm“
Beispiel
„Beredtes Schweigen“, „bittersüß“, „alter Knabe“, „offenes Geheimnis“.
Schon gewusst?
Dichter lieben es („schwarze Milch der Frühe“ – Celan), Spötter auch: „Militärische Intelligenz“ oder „Arbeitsessen“ werden gern als unfreiwillige Oxymora belächelt.
Widerspruchsfigur
das Paradoxonscheinbar widersinnige Aussage, die bei tieferem Nachdenken eine Wahrheit birgt
Herkunft
griech. parádoxos „wider die Erwartung“
Beispiel
„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ – „Weniger ist mehr.“
Schon gewusst?
Vom Stilmittel zur Logik-Falle: Das Lügner-Paradox („Dieser Satz ist falsch“) beschäftigt die Philosophie seit der Antike und brachte die moderne Mathematik an ihre Grundlagenkrise.
Scheinwiderspruch
der Parallelismusgleichartiger Bau aufeinanderfolgender Sätze oder Satzglieder
Herkunft
griech. parállēlos „nebeneinander“
Beispiel
„Heiß ist die Liebe, kalt ist der Schnee.“
Schon gewusst?
Die Psalmen sind durchgehend parallelistisch gebaut („Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“) – der Gleichklang macht Sätze feierlich und einprägsam, lange bevor es Reime gab.
Gleichlauf
Pars pro totoein Teil steht für das Ganze
Herkunft
lat. „der Teil für das Ganze“
Beispiel
„Pro Kopf“ zählt Menschen, „unter einem Dach“ meint das ganze Haus, „Blechlawine“ die Autos samt Insassen.
Schon gewusst?
Eine Unterart der Synekdoche. Alltagssprache ist voll davon: „Er hat vier hungrige Mäuler zu stopfen“ – gemeint sind ganze Kinder, nicht nur Münder.
Teil-fürs-Ganze
die PersonifikationVermenschlichung von Dingen, Tieren oder Abstraktem
Herkunft
lat. persona „Maske, Person“ + facere „machen“
Beispiel
„Die Sonne lacht“, „der Wind heult“, „die Zeit heilt alle Wunden“.
Schon gewusst?
Ganze Nationen wurden personifiziert: Germania, Marianne, Uncle Sam. Und die Justitia mit Waage und Binde zeigt, wie eine Personifikation zur Ikone werden kann.
Vermenschlichung
der Pleonasmusüberflüssige Häufung sinngleicher Wörter
Herkunft
griech. pleonasmós „Überfluss“
Beispiel
„Der weiße Schimmel“, „das runde Rad“, „die tote Leiche“.
Schon gewusst?
Meist ein Stilfehler, manchmal Absicht: „Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen“ verstärkt rhetorisch. Beliebtes Bewerbungsgespräch-Wissen: Warum ist „ABM-Maßnahme“ doppelt gemoppelt?
Doppelaussageweißer Schimmel
die rhetorische FrageFrage, die keine Antwort erwartet, sondern eine Aussage verstärkt
Herkunft
griech./lat. Schulrhetorik: interrogatio
Beispiel
„Habe ich es nicht gleich gesagt?“ – „Wer wünscht sich das nicht?“
Schon gewusst?
Ciceros Eröffnung gegen Catilina ist die berühmteste der Geschichte: „Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra?“ – Wie lange noch wirst du unsere Geduld missbrauchen? Vorsicht: Zu viele rhetorische Fragen wirken belehrend.
Scheinfrage
der Sarkasmusbeißender, verletzender Spott – oft im Gewand der Ironie
Herkunft
griech. sarkázein „das Fleisch zerreißen“ (sárx „Fleisch“)
Beispiel
„Nur zu, nimm dir Zeit – wir haben ja alle nichts Besseres vor“, zischte er nach vierzig Minuten Verspätung.
Schon gewusst?
Die Etymologie ist drastisch: Sarkasmus „zerfleischt“ wörtlich. Unterschied zur Ironie: Ironie kann liebevoll sein, Sarkasmus will treffen. Im Beruf gilt: sparsamst dosieren.
beißender SpottHohn
die Sentenzknapper, einprägsamer Sinnspruch mit Anspruch auf allgemeine Gültigkeit
Herkunft
lat. sententia „Meinung, Urteil“
Beispiel
„Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“
Schon gewusst?
Die Sentenz ist die Königsdisziplin der Verdichtung: ein Gedanke, gebaut für die Ewigkeit. Viele stammen aus Dramen und haben ihre Autoren überlebt – wer kennt noch den Kontext von „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“?
SinnspruchAphorismusDenkspruch
die SynästhesieVerschmelzung verschiedener Sinneseindrücke in einem Ausdruck
Herkunft
griech. syn „zusammen“ + aísthēsis „Wahrnehmung“
Beispiel
„Schreiendes Rot“, „warme Stimme“, „bittere Kälte“, „schwerer Duft“.
Schon gewusst?
Als neurologisches Phänomen real: Echte Synästheten sehen Töne farbig oder schmecken Wörter – etwa einer von 200 Menschen. Die Dichtung der Romantik machte daraus ein Programm.
Sinnesverschmelzung
die SynekdocheErsetzung durch einen engeren oder weiteren Begriff derselben Sache
Herkunft
griech. synekdochḗ „Mitverstehen“
Beispiel
„Deutschland hat gewählt“ (die Wahlberechtigten), „ein kluger Kopf“ (der ganze Mensch).
Schon gewusst?
Oberbegriff zu Pars pro toto und Totum pro parte. Die Zeitung „FAZ“ warb jahrzehntelang mit der Synekdoche schlechthin: „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf.“
Begriffsvertauschung
die TautologieWiederholung desselben Sinns mit gleichbedeutenden Wörtern
Herkunft
griech. tautó „dasselbe“ + lógos „Wort“
Beispiel
„Voll und ganz“, „einzig und allein“, „nie und nimmer“.
Schon gewusst?
Abgrenzung zum Pleonasmus: Die Tautologie reiht gleichrangige Synonyme („immer und ewig“), der Pleonasmus hängt ein überflüssiges Attribut an („weißer Schimmel“). In der Logik ist die Tautologie ein immer wahrer Satz: „Wenn es regnet, regnet es.“
Doppelung
das TrikolonDreigliedrigkeit: drei parallele Wörter, Satzglieder oder Sätze
Herkunft
griech. tri „drei“ + kôlon „Glied“
Beispiel
„Veni, vidi, vici.“ – „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.“ – „Quadratisch, praktisch, gut.“
Schon gewusst?
Die Drei ist die magische Zahl der Rhetorik: Zwei wirkt unvollständig, vier überladen. Redenschreiber weltweit bauen Kernbotschaften als Trikolon – prüfen Sie die nächste Politikerrede darauf!
Dreierfigur
das Understatementbewusste Untertreibung der eigenen Leistung oder Bedeutung
Herkunft
engl. understatement „Untertreibung“
Beispiel
„Ich spiele ein bisschen Klavier“, sagte der Konzertpianist.
Schon gewusst?
Die britische Kulturtechnik schlechthin – als der Pilot einer brennenden Maschine 1982 durchsagte: „Wir haben ein kleines Problem.“ Rhetorisch ist Understatement eine Litotes in Lebensform: Es wirkt souveräner als jede Prahlerei.
UntertreibungTiefstapelei
das Zeugmaein Verb regiert mehrere Objekte, passt aber nur zu einem wörtlich – oft komisch
Herkunft
griech. zeûgma „Joch, Verbindung“
Beispiel
„Er hob den Blick und die Sitzung auf.“ – „Sie nahm Platz und ein Glas Sekt.“
Schon gewusst?
Heinrich Heine war Großmeister des Zeugmas: „Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität.“ Ein Stilmittel für Fortgeschrittene – wirkt nur, wenn es beabsichtigt aussieht.
Jochfigur

Eloquenz steigern – die 10 wirksamsten Methoden

1

Lesen – aber richtig

Nichts erweitert den Wortschatz verlässlicher als regelmäßiges Lesen quer durch die Genres: Feuilleton, Wissenschaft, Literatur. Entscheidend ist die Vielfalt – jedes Ressort hat sein eigenes Vokabular. Stoßen Sie auf ein unbekanntes Wort: kurz markieren, abends nachschlagen, ins Wörter-Notizbuch.
2

Aktiv verwenden statt passiv sammeln

Ein Wort gehört Ihnen erst, wenn Sie es benutzt haben. Bauen Sie jedes neue Wort binnen 24 Stunden dreimal ein – in eine Mail, ein Gespräch, eine Notiz. Die Lernforschung nennt das den Generierungseffekt: Selbst Erzeugtes bleibt haften, bloß Gelesenes verdunstet.
3

Verteilt wiederholen (Spaced Repetition)

Wiederholen Sie neue Wörter nach einem Tag, nach drei Tagen, nach einer Woche – genau dafür gibt es hier das Archiv und das Quiz. Verteiltes Lernen ist der am besten belegte Effekt der Gedächtnisforschung: Zehnmal fünf Minuten schlagen einmal fünfzig Minuten um Längen.
4

Aktiv abrufen statt nur anschauen (Testing-Effekt)

Sich selbst abzufragen wirkt stärker als jedes Wiederlesen. Das tägliche Quiz nutzt genau diesen Testing-Effekt: Jeder Abrufversuch – auch ein gescheiterter – festigt die Gedächtnisspur. Machen Sie das Quiz darum am besten erst einige Stunden nach dem Lesen der Tageswörter.
5

Laut lesen und Reden analysieren

Lesen Sie zehn Minuten täglich laut: Das trainiert Artikulation, Atmung und Satzmelodie. Und hören Sie großen Rednern zu – Podcasts, Parlamentsdebatten, Festreden. Achten Sie darauf, wie Profis Pausen setzen, Sätze bauen und Bilder wählen. Was gefällt, wird notiert und übernommen.
6

Schreiben als Sprechtraining

Wer schreibt, spricht in Zeitlupe: Tagebuch, Blog, ausführliche Mails – jede Form zählt. Überarbeiten Sie Geschriebenes einmal gezielt: Füllwörter streichen, Passiv in Aktiv verwandeln, ein blasses Wort durch ein treffendes ersetzen. Diese Redigier-Routine schleift sich in die gesprochene Sprache ein.
7

Nuancen lernen, nicht nur Wörter

Eloquenz heißt: den Unterschied zwischen sparsam, geizig und haushälterisch kennen – dieselbe Sache, drei Urteile. Lernen Sie zu jedem neuen Wort ein Synonym und dessen anderen Beiklang (Konnotation). Wer Nuancen beherrscht, trifft immer den richtigen Ton.
8

Pausen, Tempo, Endungen

Eloquenz ist auch Vortrag: Sprechen Sie langsamer, als sich richtig anfühlt. Setzen Sie vor wichtigen Aussagen eine Pause – sie ersetzt jedes „ähm“ und wirkt souverän. Und sprechen Sie Satzenden bewusst zu Ende: Wer die letzte Silbe verschluckt, verschenkt die Wirkung des ganzen Satzes.
9

Rhetorische Werkzeuge gezielt einsetzen

Ein Trikolon für die Kernbotschaft, eine Anapher für den großen Moment, eine rhetorische Frage als Türöffner – mehr braucht eine gute Rede selten. Stilmittel wirken wie Gewürze: Eines, bewusst gesetzt, veredelt; zehn auf einmal verderben den Geschmack.
10

Das Umfeld spricht mit

Suchen Sie Gespräche mit Menschen, deren Sprache Sie bewundert – Wortschatz ist ansteckend. Diskutieren Sie, halten Sie kleine Vorträge, erklären Sie Kollegen komplexe Dinge einfach. Und nehmen Sie sich gelegentlich selbst auf: Die eigene Stimme vom Band ist der ehrlichste Lehrmeister.
Grundlage: klassische Rhetorik (Aristoteles, Cicero, Quintilian), moderne Lernforschung (Spacing- und Testing-Effekt) sowie aktuelle Ratgeber zu Eloquenz- und Wortschatztraining.
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